Die Geschichte unserer Schule

1981 feierte das Gymnasium am Kurfürstlichen Schloss das 150jährige Jubiläum mit einer Festwoche. Aus der damals erstellten Festschrift stellt unsere Homepage einige Artikel insbesondere zur Schulgeschichte für alle an unserer Schule Interessierten bereit. Einige Texte sind sind gegenüber der Print-Version leicht gekürzt. Die Übertragung wurde vorgenommen von Michael Schmid, Peter Lautzas und Stephan Schön.

Zur Vorgeschichte der Mainzer Realschule in der Kurfürstlichen Zeit (1771 - 1792)
Das in der Zeit des Absolutismus wirtschaftlich intensiv geförderte Bürgertum machte schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts die Einrichtung einer auf seine Belange ausgerichteten Bildungsstätte erforderlich. Am Rhein war der reformfreudige Mainzer Kurfürst Emmerich Joseph von Breidbach-Bürresheim (1763 – 1774) einer der ersten, der nach preußischem und österreichischem Vorbild daran ging, im Sinne des aufgeklärten Absolutismus ab 1771 das gesamte Schulwesen neu zu ordnen. Die Reformen umfassten die Schulaufsicht (Einrichtung einer staatlichen Schulkommission im Dezember 1770), die Ausbildung der Lehrer (Gründung einer Lehrerakademie 1771), des Trivialschulwesens auf dem Lande und in der Stadt, die “Mittelschule” (Neueröffnung des Gymnasiums 1773, dem jesuitischen Einfluß entzogen) und der Universität (Reform 1773). Speziell die Stadtpfarreischulen erfuhren eine Umgestaltung im Sinne des handwerklichen und kaufmännischen Bürgertums. Als erste von den acht Mainzer Pfarrschulen wurde 1773 die von St. Quintin auf das neue System umgestellt. Beim Tode Emmerich Josephs 1774 hatten drei weitere, nämlich die Schulen von St. Ignaz, St. Emmeran und St. Christoph, zumindest teilweise die kurfürstliche Verordnung durchgeführt. Unter dem nachfolgenden Kurfürsten Friedrich Karl Joseph von Erthal (1774 – 1802) setzt eine gewisse Restaurationsphase gegenüber den aufklärerisch – fortschrittlichen Maßnahmen ein. Die Reformen werden in veränderter Form nur schleppend weitergeführt. Die Realschule sollte nur noch zwei bis drei Jahre umfassen. Sie wurde ferner in eine niedere (Vorbereitungs-)Klasse und in eine Oberklasse gegliedert, wobei sich diese letzte Klasse zur gezielteren Berufsvorbereitung in eine Handwerker – und eine Kaufmannsklasse gabelte. 1792 beim Beginn der Revolutionskriege hatte nur St. Quintin eine differenzierte Realschule voll eingerichtet. 30 Schüler besuchten die obere Klasse. Mit der endgültigen Besitznahme von Mainz durch die Franzosen im Jahre 1797 nimmt die Entwicklung des Schulwesens eine andere Richtung. Es wird nach französischen Vorstellungen umgestaltet und erneuert. Als nach dem Wiener Kongreß Mainz und die ehemaligen linksrheinischen Kurlande an das Großherzogtum Hessen fallen, wird das Mainzer Bürgertum erneut aktiv und sucht seine Forderungen nach einer seinen Bedürfnissen gemäßen Bildungseinrichtung durchzusetzen. Nach langen Verhandlungen sollte ihm das aber erst 1831 gelingen.

Ulrich Backerra und Peter Lautzas

Michael Creizenach (1789 - 1842) - Portrait eines bedeutenden jüdischen Pädagogen

Von Anton M. Keim

Im Jahre 1931 feierte das Mainzer Realgymnasium sein 100 jähriges Bestehen. Bei den festlichen Veranstaltungen wurde immer wieder auf einen der Väter dieses Schultyps in Mainz verwiesen, auf einen “Vater der modernen Pädagogik in Mainz”: Michael Creizenach.

Die Creizenachs waren eine wohlhabende und angesehene Familie in Mainz. Mainz war seit dem Frieden von Campo Formio tatsächlich und seit dem Frieden von Lunéville auch staatsrechtlich Teil des französischen Reiches. Die napoleonische Verwaltung ordnete das Schulwesen neu. Aus dem 1561 gegründeten Jesuiten-Gymnasium, bis 1797 Kurfürstliches Gymnasium und von den Augustiner-Patern beschult, wurde 1803 in der französischen Zeit eine Zentralschule, als Nachfolgerin der Universität gedacht, so etwas wie Ober- und Hochschule zur Hälfte. Die schulischen Verhältnisse waren damals in der Organisation unklar, denn das alte Gymnasium bestand daneben weiter. Es gab ein französisches Lycée Imperial, das allerdings in manchem vom französischen Vorbild abwich. Es wurde 1814 in ein deutsches Gymnasium umgewandelt. 1829 wurde das Bischöfliche Gymnasium inkorporiert. In ebendas französische Lyzeum in Mainz wurde 1805 Creizenach aufgenommen. Schon nach 21/2 Jahren wurde er, begleitet von der Anerkennung und Auszeichnung durch seine Lehrer, aus dem Lyzeum entlassen. Aufklärung und Rationalismus bestimmten sein Denken, und damit auch die Idee der Emanzipation und des Reformjudentums.

Creizenach bekennt sich zum Einfluß von Kants und Rousseaus Schriften, aber auch der Enzyklopädisten. Durch seinen Bildungsgang, durch seine Philosophie stand er mit seiner Auffassung vom Judentum ganz im Gegensatz zu dem traditionellen. Unter großen Konflikten in der jüdischen Gemeinde gründete er in Mainz 1813 eine jüdische Schule, die später von der Gemeinde übernommen wurde. Creizenachs Schulgründung im Jahre 1813 sollte nicht nur für den angesprochenen Kreis der jüdischen Gemeinde ein Zeichen setzen, sondern darüber hinaus für die Entwicklung des Mainzer Schulwesens überhaupt. Statt wie bisher üblich im gymnasialen Bereich, den Schwerpunkt auf Latein und Griechisch zu legen, betonte er in dem Lehrplan für den neuen Schultyp die modernen Sprachen, Mathematik, Geschichte und Naturkunde.

Die für das Schulwesen Verantwortlichen in der Stadt Mainz verfolgten die Entwicklung seiner Schule mit großem Interesse. Bis 1825 blieb Creizenach in Mainz, in dieser Zeit veröffentlichte er eine Reihe von Büchern; 1821 “Abhandlungen über zwei schwierige Stellen im Euklides”, 1822 “Versuch über die Paralleltheorie” und ein “Lehrbuch der darstellenden Geometrie”, 1825 eine Anleitung zur höheren Zinsrechnung mit logarithmischen Tafeln und ein französisches Lesebuch zum Gebrauch für die Schulen.

1824 erlangte er in Gießen die philosophische Doktorwürde. 1825 wurde er an die israelitische Realschule “Philanthropin”, die 1804 gegründet war, nach Frankfurt am Main berufen.

Er hat in dem nächsten Jahrzehnt entscheidend dazu beigetragen, dass dieses Philanthropin ein eigenes Gesicht bekam. Allerdings war die Wirkung seines Realschulexperiments insgesamt für die Stadt Mainz wichtig. Denn aufgrund des hervorragenden pädagogischen Ergebnisses wurde 1831 eine städtische Realschule im Welschnonnenkloster mit 3 Klassen eröffnet, 1836 erweitert und verstaatlicht als großherzogliche Provinzrealschule, die seit 1848 mit 6 Klassen geführt wurde. Creizenach ist damit zum Vater der neuzeitlichen Schule in Mainz geworden.

Die städtische Realschule und ihr Ausbau zum Großherzoglich-hessischen Realgymnasium (1831-1884)

Von Detlef Erxleben

1. Überblick

Vor 1831 “bestand die Schule nur dem Namen nach. Denn was war zu erwarten von einer Anstalt, die nur zwei Klassen zählte, angefüllt von 100 – 150 teils sehr verwilderten Schülern, von einer Anstalt, die zwar die Namen Physik, französische Sprache etc. in den Lektionsplan aufgenommen hatte, aber mit zwei, höchstens drei Lehrern nichts Wesentliches ausrichten konnte”, berichtete der Schulleiter Noll1843 dem Stadtrat. Aber das lag daran, daß der Staat die städtischen Schulen nicht anerkennen oder finanzieren wollte. Schoedler verbeugt sich vor der Obrigkeit, um den Konsensus zwischen dem Bürgerstand und dem konstitutionellen Staat zu rühmen. Dazu ist es aber erst nach langen Bemühungen der Mainzer Bürger gekommen. Sie hatten in der Auseinandersetzung mit der Regierung um die Förderung einer Bürgerschule in Mainz längst eine städtische Realschule errichtet, die am 25.4.1831 eröffnet worden war. Diese Schule wurde 1836 als staatliche Schule in städtischer Trägerschaft weitergeführt. Zwar wird in den Protokollen des Stadtrates auch von “Fundation”, also Gründung, gesprochen, wenn es um die Verhandlungen zwischen 1831 und 1836 geht; aber im rechtsverbindlichen Regierungsbeschluss von 1834, im Briefwechsel zwischen Staat und Stadt, der in den Stadtratsprotokollen wiedergegeben ist, und in den Beschlüssen des Stadtrates heißt es: “Erweiterung und Verbesserung der bestehenden Realschule zu Mainz.”

Es ging 1831/36 nicht darum, eine Realschule zu gründen – ihre Notwendigkeit war unbestritten -, sondern um den staatlichen und städtischen Anteil an Finanzierung und Kontrolle. Das Ergebnis des Streites, den Schoedler “freudiges Zusammenwirken” nannte, war, kurz gesagt: Teilung der Kosten bei staatlicher Kontrolle.

1836 bis 1854 leitete Direktor Noll die Schule. Er führte die Schule bis 1844 zur Blüte, gestaltete 1848 die neue sechsklassige Organisation der Schule, hat aber auch den Rückgang der Schule 1844 bis 1854 mitzuverantworten.

Der zweite Schulleiter, Dr. Friedrich Schoedler, führte die Schule von 1854 bis 1883. 1854 bis 1861 trieb er den Ausbau und die Erweiterung der Schule intensiv voran. Bis 1867 wurde die erste Berechtigung für die Absolventen der sechsklassigen Realschule erreicht, bis 1875 gelang dem Schulleiter der Ausbau der Schule zur achtklassigen Realschule I. Ordnung und zur sechsklassigen Realschule II. Ordnung. Den Schritt zur Vollanstalt, zum Realgymnasium, 1884 hat er nicht mehr erlebt.

Schoedler hat die Schule entscheidend geprägt. Das Gymnasium am Kurfürstlichen Schloß ehrt noch heute sein Andenken durch eine Büste an der Hausfront in der Diether-von-lsenburg-Straße. Aus diesem Grunde seien im folgenden seine Biografie und einige Hauptgedanken näher vorgestellt. – Kontrolle und Finanzierung der Schule bleiben über den ganzen Zeitraum, über den berichtet wird, wesentliche Streitpunkte zwischen den Bürgern und dem Staat. Daher werden die Verhandlungen 1831/36 wiedergegeben, und zwar etwas breiter, weil sie das Zusammenwirken von Stadtrat, Landtag, Bürgern und Schulleitung einerseits und dem Staat und der Verwaltung andererseits erläutern. Die Streitigkeiten 1874/87, die Schoedlers letzte Amtsjahre begleiten, sollen verdeutlichen, daß sich in den 40 Jahren für den Bürger wenig geändert hatte, wenn er mitreden wollte.

2. Die Aufgabe der Realschule

Insgesamt stritt man aber weniger um das Ziel, als um Stellenwert und Organisation der Realschulen. Denn das Ziel war schon in den Zwanziger Jahren weithin anerkannt:
“Vorbereitung der Söhne des gebildeten Mittelstandes zu allen den Ämtern, Geschäften und Gewerben, wozu keine akademischen Studien nöthig sind, als: künftige Kaufleute, Manufacturisten, Fabricanten, Öconomen, Künstler, Militäre, Apotheker, Rechnungsbeamten, Kanzellisten usw.”
Der Entschluß der Regierung, veröffentlicht am 16.4.1834, begründete die staatlichen Realschulen, nannte aber auch die Bedingungen für die Schulträger, die Städte:
“Dem landständischen Wunsche auf Erweiterung der Realschulen zu Darmstadt und Mainz und Errichtung einer ähnlichen in Gießen, zu dessen Ausführung bereits ein Credit von jährlich 3.000 fl. für jede dieser Schulen bewilligt worden ist, wird entsprochen werden, und es ist hierzu bereits die nöthige Einleitung getroffen, nachdem die Voraussetzung eines von jeder der drei genannten Städte aus eigenen Mitteln zu leistenden angemessenen Beitrags zur Errichtung u. Unterhaltung der erwähnten drei Realschulen nun wirklich erfüllt wird”.

Die Stadt Mainz verhandelte noch über ein Jahr um die Finanzierung und die Kontrolle über ihre Realschule, die dann am 1.6.1836 unter neuem Namen als “Großherzoglich Hessische Provinzial-Realschule” eröffnet wurde.

3. Die städtische Realschule vor 1831

In kurfürstlicherZeit bestanden vier Klassen, zusammengefasst zu einem “Kaufmännischen Institut”. In der französischen Zeit hat die Schule weiterbestanden, hat aber nicht mehr geleistet als eine Elementarschule. Die Leitung dieser Schule wurde 1815 ausgeschrieben. Da keiner der Bewerber den Anforderungen entsprach, nahm man den, der die beste Handschrift hatte. Die Schule hieß “Emmeransschule” und hatte zwischen 100 und 150 Schüler, die von 8-11 und von 2-4 Uhr unterrichtet wurden. Die Stundentafel belegt, dass es sich wohl um Elementarunterricht gehandelt haben dürfte.

Christentum 2 Stunden
Schönschreiben 3 Stunden
Lese- und Sprachübung 4 Stunden
Sprachlehre 2 Stunden
Rechtschreiben 2 Stunden
Aufsatz 2 Stunden
Rechnen 4 Stunden
Erdkunde 2 Stunden
Naturwissenschaften 2 Stunden
Geschichte 2 Stunden
Geometrie 1 Stunde

Eine Visitation der Schule im Jahre 1816 brachte ein vernichtendes Urteil über die Leistungen der Schüler. Vom Lehrer hieß es, er habe mit Fleiß und Eifer gearbeitet; was auch nicht gerade als Prädikat aufgefasst werden kann. Allerdings wurde das schlechte Ergebnis darauf zurückgeführt, dass die Schüler ungleichmäßig vorbereitet seien und in Abteilungen unterrichtet würden. Das Ergebnis der Visitation: Erst wenn die Stadtschulen gut organisiert seien, könne an die Einrichtung einer Realschule gedacht werden.

Am 3.12.1825 erneuerte der Stadtrat seinen Beschluß, die Realschule als städtische Einrichtung zu betreiben unter Aufsicht eines städtischen “Schulrates”, einem Gremium bestehend aus zwei nicht zur Schule gehörenden Personen der Stadt, dem Schulinspektor, dem Direktor des Gymnasiums und dem Oberbürgermeister. Am 9.8.1826 bat die Stadt die Regierung um die Errichtung einer Schule dieser Art. Am 16.12.1826 antwortete die Regierung ablehnend und zögerte das Vorhaben hinaus. Man wollte die Erfahrungen mit der Realschule in Darmstadt abwarten, die gerade eröffnet worden war. Bei den Fächern war inzwischen Chemie sowie wahlfrei Englisch zusätzlich aufgenommen worden. – Die Regierung blieb auch auf weitere Vorstöße der Stadt bei ihrer Ablehnung. Die städtische Kontrolle blieb unannehmbar für die Regierung. Die Kostenfrage trotz Erhöhung des Schulgeldes auf 12 Gulden jährlich blieb ungelöst.

4. Die städtische Realschule von 1831 bis 1836

Am 23.4.1831 wurde die Realschule als städtische Anstalt eröffnet. Sie war seit 1828 schon in der Steingasse eingerichtet. Die Schule hatte 6 Lehrer bei 90 Schülern, davon besuchten 60 die Eingangsklasse, 22 die mittlere und nur 8 die Abschlussklasse. Die Prüfung fand in den Fächern statt, die unterrichtet worden waren, nämlich in Religion, Deutsch, Mathematik, Naturgeschichte in den beiden oberen Klassen, Geschichte, Geographie, Kaufmännisches Rechnen und Buchführen, Chemie (nur in der Abschlußklasse), Französisch, Englisch (nur in der Abschlußklasse), Physik (nur in den beiden oberen Klassen), Gesang, Zeichnen, Schönschreiben.

5. Die Großherzogliche Provinzial-Realschule von 1836 bis 1854

5.1 Die Verstaatlichung 1836.
Die Stadt Mainz hatte seit dem Regierungsbeschluß von 1834, die Realschule in Mainz zu erweitern und zu verbessern, bis Ende 1836 darum gekämpft, die VerstaatIichung trotz Teilung der Kosten zwischen Stadt und Staat zuverhindern oder wenigstens ein Mitaufsichtsrecht zu gewinnen. Aber der städtische Schulrat mußte aufgelöst werden, die Aufsicht lag allein beim Oberschulrat, dem Aufsichtsgremium in Darmstadt. Die Stadt hatte als Schulträger “das Schullokal”, die Heizungs – und Unterhaltungskosten und die Unterrichtsmittel, “Lehrgegenstände und Apparate “sowie die Wohnung des Schulleiters zu stellen, dazu eine Mindestsumme an Schulgeldeinnahmen über den städtischen Haushalt abzusichern, damit die Regierung ihren Anteil an der Finanzierung überhaupt auszahlte. Staat und Stadt zahlten jährlich 3.000 Gulden. Der Staat setzte im Ergebnis alle seine Forderungen durch, die der Darmstädter Oberschulrat im Januar 1835, gestützt auf den Regierungsbeschluß von 1834, gestellt hatte. Die Diskussionen im Stadtrat zeigen, wie gekränkter Bürgerstolz der Mainzer, die auf Selbständigkeit ihrer Realschule ebenso bedacht waren wie auf ihre Verbesserung und Erweiterung, mit dem heiligen Ernst um die Hebung des Bildungsstandes und um das kommunale Selbstverwaltungsrecht rangen.

5.2 Die Entwicklung zur sechsklassigen Realschule 1848.
Der Staat ernannte auch den ersten Direktor der Realschule, Philipp Noll, der sich bis zu seiner Pensionierung 1854 darum mühte, die Erweiterung und Verbesserung der Schule zu betreiben. Die Schule bekam 1836 zwölf Lehrer, ab 1839 unterrichteten 16 Lehrer die Schüler. Die 217 Schüler verteilten sich im Schuljahr 1836: I. (=oberste Klasse) 32; II. 49; III. 71 und in der neu eingerichteten Vorbereitungsklasse 65 Schüler; sie waren zwischen 10 und 16 Jahre alt. Die Schülerzahl steigt bis 1854 auf 300 an. Schoedler weist in seiner Rede 1861 darauf hin, daß die hohe Schülerzahl in den Unterklassen zur Teilung führte, die ungünstige Altersschichtung in der Oberklasse zwischen 14 und 16 zur Aufstockung um eine weitere Klassenstufe beigetragen hatte. Schoedler zitiert aus einer zeitgenössischen Quelle, die als Zweck der IV. Klasse, der Vorbereitungsklasse, angibt, “die Knaben, die einen Konfluxus von vielleicht 15 bis 20 verschiedenen Schulen ausmachen und deren Geisteskräfte nicht gleichmäßig geweckt und bethätigt sind – harmonisch und zweckmäßig auf die Realschule vorzubereiten.”

1839 beantragte der Schulleiter die Aufstockung um eine weitere Klasse als Fortbildungskursus und die Erhöhung der Garantie für ein Schulgeld von 2.000 Gulden. 1840 setzte er die Teilung der III. Klasse in zwei Parallelklassen durch, die zusammen 90 Schüler hatten. Die Stadt übernahm die Vorschläge des Direktors; auch die Mainzer Abgeordneten im Landtag förderten mit Anträgen in der 2. Kammer die Erweiterung der Schule und die finanzielle Sicherung. 1839 stellten die Abgeordneten den Antrag auf Erhöhung des Staatszuschusses, 1841 auf Neuorganisation der Schule durch Teilung der II. und III. Klassen in Parallelklassen und durch Einrichtung der Fortbildungsklasse. Der Stadtrat bewilligte die erforderliche Raum – und Geräteausstattung und gab auch die geforderte Garantie eines Schulgeldes von 2.000 Gulden. Die Verhandlungen zwischen Staat und Stadt um die Realschule führten ohne lange Streitigkeiten zum Ausbau der Schule ( vgl. die Landtagsdebatte vom 1.3.1842, Beilage 107, S. 3 ). Der Stadtrat verlangte in seinem zusammenfassenden Beschluß vom 8.4.1843, daß der Staat die Fortbildungsklasse als ” nothwendigen Theil ” der Realschule billige und den Staatszuschuß erhöhe. Im Schuljahr 1844 konnte mit Zustimmung der Darmstädter Behörden die zusätzliche Klasse eingerichtet werden.

Der Fortbildungskursus mußte mangels Interesse wieder aufgegeben werden, er wird in den Programmen seit 1847/48 nicht mehr erwähnt. Wegen Überfüllung wurde 1843 die Vorbereitungsklasse teilweise, 1846 ganz in zwei Parallelklassen geteilt; die III. Klasse bleibt seit 1840 geteilt. Die Schule hatte damit vier Klassen in sechs Lerngruppen sowie den Kursus:

Fortbildungsklasse seit 1844 (freiwilliger Kurs)
I. Klasse
II. Klasse a. und b. seit 1842
III. Klasse a. und b. seit 1840 / 42
IV. (Vorbereitungsklasse) ab 1836; ab 1843(46) a. und b.

Mit Verfügung vom 12.6.1848 hat die Regierung dann die sechsklassige Realschule anerkannt. Verbunden mit der Anerkennung war auch eine Erweiterung der Lehrziele, besonders der Naturwissenschaften, die durchweg ein Jahr früher gelehrt wurden. Ab 1849 wurden gelehrt: ab IV: Naturgeschichte: ab II: Physik, ab II. Chemie. Ferner: Religion, Deutsch, Mathematik, Geschichte, Geographie, Kaufmännisches Rechnen und Buchführen, Französisch, Englisch, Gesang, Zeichnen und Modellieren, Schönschreiben.
Evangelischer Religionsunterricht wurde seit 1837 durch einen ordentlichen Lehrer der Schule erteilt; der israelitische Unterricht wird zum ersten Mal 1844 im Programm der Schule erwähnt: Er wurde privatim erteilt. Erst 1863 wird das Fach als Unterrichtsfach durch einen Rabbiner erteilt. Latein wurde fakultativ 1 1/2 Wochenstunden ab 1836 unterrichtet. 1840 wurden 6 – 8 Wochenstunden erteilt, ab 1841 2 Wochenstunden.

Turnen wird zum ersten Mal im Programm des Jahres 1848 erwähnt. Der Turnunterricht wurde seit 1840 regelmäßig erteilt. Seit 1850 berücksichtigte man die didaktische Umsetzung der Jahnschen Turnübungen für den Turnunterricht von Kindern durch Adolph Spieß. Dieser Entwicklung von Jahns Turnplatz zu Spießens Turnschule widmet Direktor Schoedler 1862 seine öffentliche Rede, in der er abschließend einen Turnplatz auf dem Schulhof und die erforderlichen Geräte von der Stadt erbittet. 1858 konnte ein Turnsaal für die Schule eingerichtet werden. Schoedler wertet in seiner Rede von 1861 die Veränderungen der Realschule im Jahre 1848 als “bedeutungsvollen Schritt” zu der Organisation, die auch zu seiner Zeit noch Bestand habe. “…Umwandlung in sechs selbständige, übereinanderstehende, einjährige Klassen, die einen sechsjährigen Cursus vom 10. bis 16. Jahre des Schülers bilden.” Schüler von gleichem Alter und gleicher Befähigung konnten nun mehr gesondert unterrichtet werden und befördert werden – für denjenigen aber, welcher für höhere technische Berufsarten, insbesondere aber für den Kaufmannsstand eine gediegene Bildung verlangte, konnte nunmehr in den beiden oberen Klassen eine ganz vorzügliche Berücksichtigung eintreten.

5.3 Die Krise der Schule 1844 – 1854
Die Schulreformen des Staates 1848 wurden begleitet von Versammlungen der Lehrer, auf denen man forderte, der Direktor müsse vom Kollegium gewählt werden, zumindest liege die örtliche Verantwortung beim Kollegium, nicht beim Schulleiter. Aus diesen Versuchen, ein Element der Demokratie am Arbeitsplatz zu erlangen, ist so wenig geworden, wie aus vielen andern Reformvorstellungen der 48er.
In der Reaktionszeit ab 1849/50 mußte sich vielmehr besonders die Realschule als bürgerliches Institut gegen kritische Stimmen wehren, die sie mehr berufsbezogen ausrichten wollten. Direktor Noll hielt gegen die “Schulkünstler” an der Allgemeinbildung fest, wenn er im Programm von 1849 betont, “die Realschule sei eine humanistische Anstalt, welche sich von den lateinischen Schulen (i.e. Gymnasium) einzig durch die Art der Bildungsmittel unterscheide”. Lob und Dank kennzeichnen die Zeitungsberichte über die öffentlichen Prüfungen. Vor der Schulreform 1848 wird regelmäßig auch auf das Ziel der Realschulen hingewiesen, z.B.: “Durch die Errichtung der Realschulen ist der so zahlreichen gewerbetreibenden Klasse, welche bisher in der größten Unwissenheit verblieb, ein Mittel eröffnet, eine Bildungsstufe zu erreichen, die früher nur den höheren Ständen eigen war. Mit Hülfe der Realschulen wird die Masse der Bevölkerung in den Städten eine ausgezeichnete Bildung erwerben. Es ist kaum zu berechnen, welchen wohlthätigen Einfluß diese erwünschte Veränderung auf unseren ganzen gesellschaftlichen Zustand und namentlich auf das Aufblühen der Gewerbe haben wird” (Unterhaltungsblätter, 1.5.1839). Die Zustände in der Schule waren so traurig, daß die Obeschuldirektion in Darmstadt am 17.12.1851 eine Visitation anordnete, die im Januar 1852 stattfand. Aus der Zusammenfassung des Visitationsberichtes hatte der Direktor Noll im Programm 1853 nur die positive Darstellung der “Bemühungen” wiedergegeben; daß die Leistungen der I. Klasse im Fach Deutsch “Mangelhaft” seien, erwähnte er begreiflicherweise nicht. Im Mainzer Stadtrat aber war bekannt, welche Entwicklung die Realschule genommen hatte.

Der Stadtrat beschloß am 29.7.1854: “Nach dem Höhepunkt, der im Jahre 1844 mit Gewährung des Staatszuschusses erreicht war, kam ein Rückgang. Es haben sich die höheren Klassen entvölkert, die Fortbildungsklasse mußte aufgehoben werden (…). Dabei hat die Schülerzahl zugenommen. Entgegen dem Gründungsbeschluß der Schule von 1835 wurden Schüler aufgenommen, die sich nicht durch hinreichende Vorkenntnisse als Realschüler qualifizierten, sondern nur durch die Entrichtung des Schulgeldes sich diesen Titel erwerben. (Das) muß schädlich wirken:

1. auf den Geist der Schüler, sie lähmten den Eifer selbst tüchtiger Lehrer;
2. auf das Gymnasium, indem dasselbe mit Elementen überfüllt wurde, welche nicht für das gelehrte Fach bestimmt sind;
3. auf die Volksschulen, indem dieselben einer großen Anzahl Schüler zu früh beraubt wurden.

Wenn auch dem Gemeinderath bedauerlicherweise keine Kompetenz in den Schulangelegenheiten gelassen ist, hielt er es doch für seine Pflicht, (…) bei der alljährlichen Verwendung bedeutender städtischer Geldmittel für Schulzwecke an die Abhülfe so großer Mißstände zu denken. Der Gemeinderath sieht den Grund: 1. in den Remunerationen der Lehrer aus den Überschüssen des Schulgeldes, 2. in der mangelhaften Oberleitung. Deshalb macht der Stadtvorstand (der Regierung) den Vorschlag: die Realschule durch Wiederherstellung des ursprünglichen Schulplans (von 1835 und 1844) und durch Beseitigung der Remunerationen dem bei der Begründung (1831) und Erweiterung (1835/36) beabsichtigten Zwecke wiederzugeben.”

Ergebnis: Am 9.10.1854 wurde Direktor Noll pensioniert, Friedrich Schoedler, der Mitglied der Visitationskommission gewesen war, zum Nachfolger ernannt.

6. Die Schule unter Friedrich Schoedler (1854 – 1883)

6.1 Ausbau und Erweiterung der Schule bis 1861.
Am 26.12.1854 forderte der neue Schulleiter in einem Bericht an das Aufsichtsgremium in Darmstadt, an die Oberstudiendirektion: 1. eine Gehaltserhöhung für die Lehrer; 2. Streichung der Remunerationen, der Besoldungszuschüsse aus dem Schulgeldüberschuß, dafür Gehaltsaufbesserung; 3. Aufhebung privater Konkurrenzschulen, die sich nur begüterte Eltern leisten konnten; 4. Einrichtung eines fortbildenden Abendunterrichtes, wozu die Stadt die Räume stellen solle. Dieser Abendunterricht sollte keine Dauereinrichtung werden, sondern dazu dienen, daß die Realschullehrer Gelegenheit erhielten, in Kontakt mit dem Mainzer Publikum für die Realschule zu werben. 5. Erhöhung des Schulgeldes von 15 auf 16 Gulden. Die Regierung befürwortete Schoedlers Vorschläge. Zwar blieben die Konkurrenzschulen erhalten, die übrigen Vorschläge wurden aber weitgehend verwirklicht.

6.2 Die Anerkennung der Realschule durch die ersten Berechtigungen 1867.
In Preußen bot die Abschlußprüfung für den Schüler “mehrfache Vortheile und Berechtigungen”. “Dafür werden aber auch an jene Anstalten Bedingungen gestellt, die gewiß nicht immer im Sinn der Mehrheit ihrer Besucher sind, ja, die oft geradezu im Widerspruch mit der Absicht ihrer Gründer stehen, wie dies insbesondere der Fall ist, in Beziehung auf den lateinischen Sprachunterricht. Überdies wird durch die Ertheilung solcher Vorrechte an Examinierte nur wieder die Zahl derjenigen vermehrt, die Ansprüche an den Staat machen und von demselben abhängig werden; es wird hier auch auf die bürgerliche Schule jenes bereits in den gelehrten Schulen (i.e. Gymnasien) so mißliche Element übertragen, daß alle Bildung mehr oder weniger auf Staatszwecke und Staatsdienste hinausläuft.” Anders als in Preußen war mit der Abschlußprüfung an den hessischen Realschulen noch keine Berechtigung verbunden.
Als die Mainzer Handelskammer 1864/65 eine Handelslehranstalt gründen wollte, konnte Schoedler erfolgreich Einspruch erheben, da die Realschule den Anforderungen an die Allgemeinbildung für Kaufleute entspreche. “Wer mit 16 Jahren die Realschule abschließt und befähigt und fleißig war, erfüllt die Anforderungen, die an den künftigen Kaufmann gestellt werden. Deshalb kann für die Mainzer Realschule der Charakter einer Handelsschule in Anspruch genommen werden. Umgekehrt kann man eine Handelsschule nur dann als eine gleichberechtigte Lehranstalt anerkennen, wenn sie in gleicher Weise eine feste Grundlage allgemeiner Bildung selbst legt oder voraussetzt”, sagte Schoedler in seiner Rede über die “Bildung des Kaufmanns” 1865 bei der öffentlichen Abschlußprüfung. Im Verlauf der Spannungen 1865/66 und des Krieges 1866 wurde im Großherzogtum Hessen die allgemeine Wehrpflicht eingeführt. Damit dürfte zusammenhängen, daß die Absolventen der 1. Klasse der Realschule die Berechtigung zum einjährigen Militärdienst erhielten. Sie sparten damit zwei Jahre Wehrdienst.

6.3 Die Entstehung der Realschule I. Ordnung
In Preußen wurden 1859 die ersten Schulen dieses Typs errichtet. Dabei ging es freilich nicht in erster Linie um die Streichung von Prüfungen für die Schulabgänger, die zum Militär kamen, sondern um den Ausbau um zwei Klassen, damit die Absolventen den Zugang zur polytechnischen (Hoch-)Schule erhalten konnten. Direktor Schoedler konnte in den Verhandlungen klarstellen, daß, mit der Aufstockung der sechsklassigen Realschule um zwei weitere Klassen und mit der Einrichtung von Lateinunterricht, seine Schule als Realschule I. Ordnung geführt werden könnte. Im Programm von 1871 meinte Schoedler rückblickend, es gehe darum, den Schülern, die das Polytechnikum in Darmstadt besuchen wollten, weitere Ausbildung an der Schule anzubieten, damit sie nicht durch teuren Privatunterricht nachholen müßten, was Sache der allgemeinbildenden Schule sei. Die Reifeprüfung müsse den Schülern alle diejenigen Berechtigungen gewähren, im Zivil- wie im Militärdienst, so wie das in Preußen bei den Realschulen I. Ordnung der Fall sei.

Die Verhandlungen um den Ausbau der Realschule brachte am 17.7.1869 bereits weitgehende Einigkeit zwischen Stadtrat, Schulleitung und Regierung. Strittig blieben Notwendigkeit und Anteil des Lateinunterrichts an der Realschule. Bis 1855 wurde Latein an der Schule unterrichtet.

Trotz der Forderungen aus Darmstadt und ohne Genehmigung der Regierung behielt Schoedler die Prima und den Lateinunterricht nach seinen Plänen bei und ließ fünf Primaner 1871 die Reifeprüfung bestehen. Er richtete sich nach den preußischen Vorschriften. Das Polytechnikum in Darmstadt nahm diese Abiturienten unbeanstandet auf. Die Stadt und die Schule hatten sich also zunächst durchgesetzt. Der Schuljahrsbeginn wurde durch Einrichtung zweier Kurzschuljahre auf den Herbst verlegt, damit die Abiturienten nach ihrer Prüfung unmittelbar in die polytechnische (Hoch-)Schule eintreten konnten. Erst am 31.7.1873 verfügte die Regierung, “daß die Realschule eine Maturitätsprüfung abhalten” dürfe, “deren Erledigung zum unmittelbaren Eintritt in das Polytechnikum zu Darmstadt berechtige.” Durch Verfügung vom 16.7.1875 erteilte die Regierung in Darmstadt weitere Berechtigungen, wenn die Realschule I. Ordnung vollständig von der Realschule II. Ordnung getrennt werde:

Realschule I. Ordnung:
acht Schuljahre in Klassen VI bis I; mit den Fächern: Neuere Sprachen, Mathematik, Geometrie, Naturwissenschaften, “Latein durch alle Klassen als Grundlage des sprachlichen Unterrichts”.

Realschule II. Ordnung:
sechs Schuljahre.

Die Trennung wurde am 1.10.1875 durchgeführt, freilich nur organisatorisch, weder personell noch räumlich gab es eine Spaltung. Die Anerkennung ihres Abschlusses im Reich erhielt die Schule am 22.3.1877, mit Wirkung vom 18.8.1876.

Das Realgymnasium von seiner Gründung bis zur 100 Jahr-Feier (1884 - 1931)

Von Marion Wierichs-Lotz

1. Von der Einrichtung der Vollanstalt bis zur Abtrennung der Oberrealschule (1884 – 1931)

1884 übernahm Dr. Wilhelm Soldan die Leitung der Realanstalten von Mainz und setzte den von Schoedler mit Energie und Engagement vorangetriebenen Ausbau der Realschulen I. und II. Ordnung fort. Zum Schuljahresbeginn 1884 wurde an der Realschule I. Ordnung eine Sexta für neun- bis zehnjährige Schüler eingerichtet; die bisher achtstufige Realschule I. Ordnung wurde damit zur achtstufigen Vollanstalt nach preußischem Vorbild erweitert und führte seit dem 10. Dezember 1884 die Bezeichnung “Realgymnasium”. An demselben Tage erschien die neue Reifeprüfungsordnung; ein neuer Lehrplan für die Realgymnasien des Großherzogtums Hessen trat kurze Zeit später in Kraft. Das Unterrichtsangebot umfaßte im fremdsprachlichen Bereich Latein (ab Sexta) und zwei moderne Sprachen, zunächst Französisch (ab Quinta) und ab Untertertia Englisch, im mathematisch-naturwissenschaftlichen Feld Mathematik mit stark gekürztem Stundenansatz, Naturkunde (von Sexta bis Untersekunda) und in den Sekunden und Primen Chemie und Physik.

VI V IV IIIb IIIa IIb IIa Ib Ia
Religion 2 2 2 2 2 2 2 2 2 18
Deutsch 6 4 4 3 3 3 3 3 3 32
Latein 8 7 7 6 6 5 5 5 5 5
Französisch 4 4 4 4 4 4 4 4 32
Englisch 3 3 3 3 3 3 18
Geschichte 2 2 2 2 2 2 2 14
Geographie 2 2 2 2 2 1 1 1 1 14
Rechnen 6 4 3 3 1 17
Geometrie u. Algebra 2 2 5 5 5 5 5 29
Naturgeschichte 2 2 2 2 2 2 12
Chemie 2 2 2 6
Physik 3 3 3 3 12
Schreiben 2 2 1 1 6
Zeichnen 2 2 2 2 2 2 2 2 16
Summe 28 29 31 32 32 32 32 32 32 280

Hierzu kommen noch je 2 Turnstunden und 1 bis 2 Stunden Gesang.

Auffallend ist die beträchtliche Verstärkung des Latein auf insgesamt 54 Jahreswochenstunden, die das Realgymnasium dem Gymnasium näherrückte, das seinerseits mit dem neuen Lehrplan von 1884 eine deutliche Minderung des Lateinunterrichts akzeptieren mußte. Die Anerkennung des Realgymnasiums als eine dem Gymnasium gleichwertige wissenschaftliche und ethische Bildungsstätte zog sich aber noch jahrelang hin und führte zu lebhaften und harten Diskussionen und Auseinandersetzungen zwischen Vertretern der beiden Schulgattungen und ihren bildungstheoretischen Vorstellungen und Ansprüchen. Für die Schüler der Sexta und Quinta des Realgymnasiums sah der Lehrplan von 1884 27 bzw. 29 Wochenstunden vor, für Quartaner und Untertertianer je 31; von Obertertia an aufwärts waren je 32 Wochenstunden angesetzt. Hinzu kamen pro Woche 2 Stunden Turnen und je 1 – 2 Stunden Gesang. Der Unterricht umfasste am Vormittag 4 bis 5 Stunden und begann im Sommer um 7, im Winter um 8 Uhr; die restlichen Stunden fanden nachmittags von 14 – 16 Uhr statt, zweimal wöchentlich im Sommer und viermal im Winter.

Mit diesen Stundentafeln entsprach der Lehrplan von 1884 genau den Empfehlungen einer vom Ministerium einberufenen Kommission, die die Frage der Überlastung der Schüler der höheren Lehranstalten geprüft, die Werte für zulässige Maximalunterrichtszeiten in den verschiedenen Klassen und Stufen erarbeitet und zeitliche Maßstäbe für die Hausaufgaben gesetzt hatte. Nach ihren Vorstellungen sollten in Sexta und Quinta maximal 30 Unterrichtsstunden pro Woche, in den mittleren und oberen Klassen 34 Stunden pro Woche angesetzt werden. Turnen wurde nicht gerechnet.

Im Herbst 1884 besuchten 279 Jungen des Realgymnasium, 307 die Realschule; in demselben Zeitraum des folgenden Jahres stieg ihre Zahl bereits auf 303 bzw. 373 an, ein Zuwachs von ca. 9% für das Realgymnasium und von ca. 22% für die Realschule.

Nach knapp vierjähriger erfolgreicher Tätigkeit als Direktor der Realanstalten in Mainz wurde Soldan zum Oberschulrat ernannt und in das Ministerium des Innern und der Justiz, Abteilung für Schulangelegenheiten, berufen. 1892 erhielt er den Charakter eines “Geheimen Oberschulrats”, 1898 schließlich wurde er als Ministerialrat Vorsitzender der Schulabteilung in Darmstadt.

Die Leitung des Realgymnasiums und der Realschule in Mainz übernahm 1888 Dr. Friedrich Schön, der nach seinem Referendariat in Darmstadt an den Realschulen in Biebrich und Offenbach gewirkt, dann die Realschule in Oppenheim (seit 1877) geleitet hatte. Während seiner 16 jährigen Amtszeit kam es zu wesentlichen Veränderungen und Neuerungen in der Organisation und im Schulleben der Realanstalten.

Eine neue Reifeprüfungsordnung trat am 18.1.1893 im Großherzogtum Hessen in Kraft. Sie umfaßte wie bisher einen schriftlichen und einen mündlichen Prüfungsteil. Zu den schriftlichen Prüfungsfächern Deutsch, Französisch, Englisch und Mathematik kam nach der neuen Regelung noch Latein mit einer Übersetzung aus dem Lateinischen ins Deutsche. Diese Änderung und Neuerung im Realgymnasium war ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zur vollen Gleichberechtigung der Abiturienten von Gymnasium und Realgymnasium bei der Zulassung zu allen akademischen Studiengängen. Die schriftliche Prüfung in Physik fiel 1893 weg. Die mündliche Prüfung erstreckte sich, wie im Lehrplan 1884, auf die lateinische, französische und englische Sprache, auf Mathematik, Physik, Chemie und Geschichte. Geographie gehörte seit 1893 nicht mehr zum Kanon der mündlichen Prüfungsfächer am Realgymnasium. Die zweiklassige Höhere Handelsschule wurde im Mai 1898 eröffnet. Bereits wenige Jahre später wurde sie organisatorisch umgestaltet und der aus der Realschule hervorgegangenen Oberrealschule angegliedert. Unter Schöns Leitung war die Schule zu einer “Riesenanstalt geworden, die jedenfalls im Großherzogtum Hessen, vielleicht in ganz Deutschland ihresgleichen sucht”. Zu Beginn des Schuljahres 1904/05 umfaßte sie in 33 Klassen 1097 Schüler, die von 52 Lehrkräften unterrichtet wurden.

Zum Lehrerkollegium gehörten
– der Direktor
– 31 weitere definitiv angestellte akademisch gebildete Lehrer, die Oberlehrer
– je 4 Assessoren und Referendare
– 8 Reallehrer und 1 Handelslehrer
– 1 Zeichenlehrer und 1 Kaplan mit jeweils 10 Stunden Fachunterricht und
– 1 Stenographielehrer, der mit 2 Stunden eingesetzt war.

Von den Oberlehrern waren 13 promoviert, 17 hatten den Charakter eines Professors inne. Voraussetzung für die Verleihung der Auszeichnung “Professor” an akademisch gebildete Lehrer mit Lehrbefähigung für die oberen Klassen oder besonders tüchtigen Leistungen im Beruf waren ein gewisses Dienstalter, eine bestimmte Besoldungsstufe und hervorragende dienstliche Bewährung. Der Titel “Professor” bedeutete für den Lehrer dieselbe Ehrung, wie der Ratstitel sie für die übrigen Beamten darstellte. Bei der Ernennung eines Oberlehrers zum Direktor fiel diese Bezeichnung weg.

Da die Realschule, deren Aufstockung zur Oberrealschule bereits 1900 begonnen hatte, den größten Zuwachs an Schülern verzeichnete, beschlossen die städtischen Kommissionen in ihren Sitzungen im September 1901, auf dem ausgewiesenen Bauplatz an der Schulstraße das neue Schulgebäude der Oberrealschule zu errichten und für den Neubau des Realgymnasiums einen geeigneten Bauplatz auf dem Gebiet der Schloßfreiheit vorzusehen. Im Frühjahr 1904 wurde dann endlich mit dem Bau der Oberrealschule begonnen. Der war für 900 bis 950 Schüler berechnet und sah in einem ausgebauten 4. Geschoß noch Reserveräume für etwa 200 Schüler vor.

Als neuer Leiter der Doppelanstalt (Realgymnasium und Oberrealschule) wurde 1904 Dr. Karl Kemmer eingeführt. Das Festprogramm zum 75jährigen Jubiläum 1906 begann am 24. April abends mit einem Kommers in der Stadthalle. Am nächsten Tag folgte um 11 Uhr der eigentliche Festakt in Anwesenheit von Vertretern der Kirchen, des Ministeriums und der Stadt. Direktor Dr. Kemmer gedachte in der Festrede seiner Vorgänger und würdigte besonders das Wirken Schoedlers und Schöns bei der Entwicklung und Ausgestaltung der Mainzer Realanstalten. “Doch müsse man mit Freuden den Augenblick begrüßen, an dem der ungeheure Schulorganismus, wahrscheinlich der Größte in ganz Deutschland, geteilt werde, und jedes Glied sich von nun ab leichter und ungehinderter in seiner Eigenart entwickeln könne.” Wörtlich fuhr er dann fort: “Die ältere Schwester, die zur Oberrealschule ausgewachsene einstige Oberrealschule, bezieht den herrlichen Neubau, der nachher übergeben und eingeweiht werden soll; indes die jüngere, das Realgymnasium, weiterhin im Hauptteil des alten Gebäudes verbleibt. Wohl könnte diese zurückbleibende Schwester das Gefühl der Wehmut doppelt schmerzlich empfinden, wenn sie die andere ausziehen sieht in so herrliche, gesunde, zweckentsprechende und vorzüglich eingerichtete Räume, während sie selbst im alten Haus zurückbleiben muss, aus dem auch sie sich hinaus sehnt nach mehr Licht, Luft und Sonne, wo die Lunge frei atmen und der Geist sich ungehindert voll und ganz entfalten kann. Aber nein! Nicht derartige Empfindungen beherrschen sie, sondern sie ist mit ihrer Schwester voll des Dankes und der Anerkennung allen denen gegenüber, die diesen Neubau beschlossen und ausgeführt haben. Und das wird ihr um so leichter werden, als sie sich der freudigen Zuversicht hingibt, dass auch für sie bald in gleicher Weise gesorgt werden wird.”

2. Umbruch und Erneuerung (1906 – 1931)

Der Auszug der Oberrealschule in ihr eigenes Gebäude an der Schulstraße brachte nur vorübergehend räumliche Entlastung, denn im April 1907 entstand am Realgymnasium (im räumlichen, organisatorischen und personellen Verbund) das pädagogische Seminar, das die Kandidaten für das höhere Lehramt nach abgeschlossener akademischer Ausbildung theoretisch und praktisch auf ihre berufliche Tätigkeit vorbereiten sollte. Da in der Zwischenzeit alle ehemals umstrittenen Berechtigungen erreicht waren und die Zulassung der Abiturienten des Realgymnasiums in allen Ländern des Deutschen Reiches zum juristischen und medizinischen Studium gesichert war, nahm die Zahl der das Mainzer Realgymnasium besuchenden Schüler zu. Eine Aufteilung zu großer Klassen wurde notwendig, der Raumbedarf stieg weiter. Zu Beginn des Schuljahres 1911/12 besuchten schließlich 449 Schüler und 21 Schülerinnen das nun durchgehend zweizügige Realgymnasium in dem engen, verwinkelten Schulhaus an der Steingasse. Umfangreiche Renovierungsarbeiten zogen sich über Monate hin, Klassen wurden ausgelagert, bis endlich die Neubaumaßnahmen begannen. Am 13. März 1912 gab die Stadtverordnetenversammlung ihre Zustimmung zum Bau und bewilligte 900000 Mark. Der Standort in unmittelbarer Nähe des kurfürstlichen Schlosses war heiß umstritten gewesen und hatte zu heftigen Kontroversen geführt. Dr. Kemmer, der Direktor des Realgymnasiums, hatte für ein hoch und sehr gesund gelegenes Gelände vor dem Gautor, außerhalb der Stadt, plädiert. Die Entscheidung aber war mit einer Stimme Mehrheit zugunsten des Bauplatzes am kurfürstlichen Schloß gefallen. Am 12. Juni 1912 erfolgte die Grundsteinlegung. Knapp zwei Jahre später, am 20.4.1914, wurde das Gebäude in einer Feierstunde in der festlich geschmückten Turnhalle seiner Bestimmung übergeben.

Von September 1914 bis Weihnachten 1923 gewährte das Realgymnasium dem Neuen Gymnasium (heute: Rabanus-Maurus-Gymnasium), dessen Gebäude am Forsterplatz als Lazarett diente und nach Kriegsende “Lycée de jeunes filles” wurde, Gastfreundschaft. Dann wurde auch das Schulgebäude am kurfürstlichen Schloß von den Franzosen beschlagnahmt. In den letzten Kriegswochen erhielt das Realgymnasium einen neuen Leiter. Dr. Kemmer, unter dessen Direktorat zwei große Bauvorhaben sowie die räumliche, personelle und organisatorische Trennung der beiden Realanstalten verwirklicht und damit die Grundlage für die eigenständige Weiterentwicklung von Realgymnasium und Oberrealschule gelegt worden war, trat am 1. Oktober 1918 im Alter von fast 63 Jahren in den Ruhestand. Sein Nachfolger war ein ehemaliger Schüler des Mainzer Realgymnasiums, Dr. Karl Zulauf.

Nach dem 1. Weltkrieg wurde das besetzte linksrheinische Gebiet mit den drei Brückenköpfen Köln, Koblenz und Mainz vom übrigen Reichsgebiet abgeschnitten, mit eigenen Verwaltungsorganen unter französischer Aufsicht ausgestattet und von der Besatzungsbehörde scharf überwacht. Durch Verordnung der französischen Regierung (10.1.1919) entstand eine Zentralkommission für das Schulwesen des besetzten hessischen Gebietes, die während der Zeit der Abschnürung der Schulen von der Obersten Schulbehörde in Darmstadt interimistisch die Leitung des Schulwesens innehatte. Zu ihr gehörten von den Mainzer höheren Schulen die Geheimen Schulräte Dr. Roemheld und Dr. Helm, Leiter der höheren Mädchenschule bzw. des Neuen Gymnasiums, und nach Ausscheiden Dr. Roemhelds auch Dr. Zulauf. Der dienstliche Verkehr mit dem Landesamt für das Bildungswesen bei der Regierung in Darmstadt mußte in den ersten Monaten der Besatzungszeit auf ein Mindestmaß beschränkt werden und war einer strengen Zensur unterworfen. Alle Verfügungen und Verordnungen der Zentralkommission mußten der Besatzungsbehörde zur Genehmigung vorgelegt werden. Bei der Neubesetzung von Stellen und bei Versetzungen konnte die Zentralkommission nur ein Vorschlagsrecht geltend machen. Den Vorschlägen wurde nur dann entsprochen, wenn die Bewerber der französischen Behörde persönlich und politisch tragbar erschienen. Das dienstliche Interesse war bei diesen Entscheidungen keine Bezugsgröße mehr.

Die Kontrolle der Besatzungsbehörde erfaßte durch einschränkende Verordnungen für Schulbücher, Schulfeiern und sonstige Veranstaltungen und Schülerverein sogar den innerschulischen Bereich. Kurz vor Weihnachten 1923 wurde das Schulgebäude des Realgymnasiums mit dem gesamten Inventar, jedoch ohne Lehrmittel, von der Besatzungsbehörde beschlagnahmt. Das Realgymnasium mußte das erst bezogene Gebäude räumen und siedelte im Januar 1924 zusammen mit dem Neuen Gymnasium in die Höhere Mädchenschule, die Studienanstalt, an der Petersstraße, (heute: Anne-Frank-Schule) über, wo der Unterricht in Vor- und Nachmittagsschichten stattfand. Drei Schulen in einem einzigen Gebäude! Im Sommer 1924 wurde nur vormittags unterrichtet, so daß die Schüler des Realgymnasiums im Wechsel mit den Schülern der beiden anderen Schulen wochenweise entweder nur die erste oder die letzten drei Stunden den Unterricht hatten. Die Anmeldungen für die Sexta gingen erheblich zurück und lagen für das Schuljahr 1925/26 bei nur 22 Schülern.

Erst der Vertrag von Locarno und der Versuch einer Verständigungs- und Aussöhnungspolitik brachten die Chance für einen Neubeginn. Im Juli 1926 wurde das Schulgebäude an der Greiffenklaustraße, in dem fast 3 Jahre lang das “lycée francais” untergebracht war, freigegeben. Nach gründlicher Renovierung des Schulhauses und Erneuerung und Vervollständigung der naturwissenschaftlichen Sammlungen konnte das Realgymnasium mit Beginn des Schuljahres 1927/28 wieder sein “altes” Haus beziehen. Nach der erfolgreichen Lösung der Raumfrage stiegen auch die Schülerzahlen wieder an, langsam und kontinuierlich: 432 im Schuljahr 1927/28, 466 1928/29, 475 1929/30 und 498 im Schuljahr 1930/31. Neue pädagogische Initiativen belebten den Unterricht und prägten das Schulleben. Die Bildungspolitik der Zwanziger Jahre stand allgemein im Zeichen von Reformen.

Das Reich hatte aufgrund der Verfassung vom 11.8.1919 zum ersten Mal in der Geschichte des deutschen Bildungsgesetzes die Möglichkeit, das Schul- und Hochschulwesen im Wege der Grundsatzgesetzgebung neu zu ordnen. Die vom Reichsinnenministerium eingesetzte Reichs-Schulkonferenz mit “freiheitlich, neuzeitlich und sozial gerichteten Pädagogen und Sachverständigen”, sollte die Neugestaltung des öffentlichen Schul- und Erziehungswesens vorbereiten. Die geplante umfassende Reform scheiterte jedoch im Spannungsfeld von Reich und Ländern einerseits und der gegensätzlichen gesellschafts- und bildungspolitischen Zielvorstellungen der Parteien andererseits, so daß die Initiative für Reformen und deren Durchführung den Ländern zufiel. Bis 1926 wurde im wesentlichen nach dem amtlichen Lehrplan für die Realgymnasien in Hessen aus dem Jahre 1914 mit der seit 1893 gültigen Stundentafel unterrichtet. Eine wichtige Neuerung zu Beginn der zwanziger Jahre war die Einführung des Unterrichts in philosophischer Propädeutik (1921) und in Staatsbürgerkunde (1923) an allen höheren Schulen. Der Unterricht in philosophischer Propädeutik sollte die Schüler durch “Weckung geistiger Kraft”, durch “Verständnis für die großen, immer wiederkehrenden Fragestellungen der Philosophie” zu kritischem Denken anregen (Lehrpläne für die höheren Schulen im Volksstaate Hessen § 3, 1925); der von der Reichsverfassung (§ 148) geforderte Unterricht in Staatsbürgerkunde sollte dazu beitragen, durch Vermittlung “gesicherter Kenntnis der wichtigsten Tatsachen und Gesetze des staatlichen und wirtschaftlichen Lebens”, durch “Weckung einer tiefbegründeten Staatsgesinnung” (ebd., § 6) bei den Heranwachsenden demokratisches Staats- und Rechtsbewußtsein zu entwickeln, um sie “zu späterer selbständiger Mitarbeit im Volksstaate zum Wohle der Gesamtheit zu befähigen” (ebd., § 6). Diese neuen Unterrichtsfächer sowie die Möglichkeit für Unterprimaner des Realgymnasiums, sich je nach Begabung und Neigung für den sprachlich-geschichtlichen oder mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweig zu entscheiden, und die Einrichtung der Schülerselbstverwaltung spiegeln den politischen und sozialen Wandel im Nachkriegsdeutschland und zeigen das Bestreben der Bildungspolitiker und Pädagogen, der Schule eine zentrale Aufgabe im Demokratisierungsprozeß zuzuweisen. Sie sollte demokratische Denk- und Verhaltensmuster bereitstellen und praktizieren, um die Jugend auf verantwortungsbewußtes, soziales Handeln in Gesellschaft und Staat vorzubereiten. Ostern 1926 traten probeweise die neuen Lehrpläne für die höheren Schulen im Volksstaat Hessen mit besonderen Stundentafeln für Gymnasium, Realgymnasium, Reformrealgymnasium und Oberrealschule in Kraft, nachdem zuvor (im Realgymnasium in Mainz seit Sommer 1920) in den Lehrerkonferenzen die Unterrichtskonzeption der einzelnen Fächer vorgestellt und diskutiert worden war. Einige Mitglieder des Lehrerkollegiums hatten durch Stellungnahmen, Änderungsvorschläge und Anregungen an der Erarbeitung des Lehrplanentwurfes mitgewirkt.

Die neue Stundentafel sah die Einbeziehung der philosophischen Propädeutik mit je 1 Wochenstunde in Unter- und Oberprima und der Staatsbürgerkunde mit ebenfalls je 1 Wochenstunde von Untersekunda bis Oberprima sowie die Verstärkung des Unterrichts in Deutsch und Geschichte vor. Diese Veränderungen gingen ausschließlich zu Lasten von Latein, das um 13 Stunden gegenüber der Stundentafel von 1893/1914 gekürzt wurde. Die Sprachenfolge blieb unverändert bestehen: Latein ab Sexta, 1. neuere Sprache ab Quarta und 2. neuere Sprache ab Obertertia. Rechnen und Mathematik behielten ihren Stellenwert und wurden in allen Klassen mit gleicher Intensität betrieben. Die Naturwissenschaften wurden nicht mehr wie 1893 in Naturgeschichte, Chemie und Physik getrennt, sondern nur noch als ein Fach ausgewiesen, das vier Jahre lang zweistündig unterrichtet wurde. Ab Obertertia wurden die Naturwissenschaften fachspezifisch erteilt: Biologie in Obertertia (Sommerhalbjahr) zweistündig, in Unterprima und Oberprima je einstündig, Chemie in Untersekunda bis Oberprima je zweistündig, Physik in Obertertia (Winterhalbjahr) zweistündig, in Untersekunda dreistündig, in Obersekunda bis Oberprima je zweistündig. Das Fach Zeichnen und Kunstunterricht wurde wegen seiner Bedeutung für die schöpferische Selbsttätigkeit der Schüler auf insgesamt 18 Jahreswochenstunden ausgeweitet.

Realgymnasium

Der Lehrplanentwurf orientierte sich an bildungspolitischen, pädagogischen und didaktischen Ideen, die beispielhaft in den Richertschen Richtlinien des preußischen Kultusministeriums (1924) ihren Niederschlag gefunden hatten. Er war gekennzeichnet durch das Verhältnis und Wechselspiel von Kernfächern (wie Religon, Philosophie, Deutsch, Geschichte, Erdkunde), die im Interesse einer Einheit der deutschen Bildung für alle höheren Schultypen gleichermaßen verbindlich waren und Sonderfächern, die das Charakteristische, Unverwechselbare eines Schultyps ausmachten. “Das Gymnasium legt den Nachdruck auf Latein und Griechisch, das Reformrealgymnasium auf Französisch und Englisch, die Oberrealschule auf Mathematik und Naturwissenschaften.” Um Einseitigkeit in der Typenbildung zu vermeiden und um der geschichtlichen Tradition gerecht zu werden, wurde “auch das alte Realgymnasium mit einigen Änderungen” bestehen gelassen.

Die didaktischen Prinzipien der Konzentration und des Arbeitsunterrichts wurden in den Vordergrund gestellt: “Zu pflegen ist sowohl die innere Konzentration der einzelnen Stunde und Unterrichtseinheit wie die äußere, die Verbindung und gegenseitige Nutzbarmachung verschiedener Unterrichtsfächer. Wie diese in jeder Schulart nach Maßgabe der besonderen Ziele und charakteristischen Fächer verschiedener Konzentration im einzelnen durchzuführen ist, bleibt den Sonderlehrplänen der Anstalten überlassen ….”.

“Gleichzeitig ist so viel wie möglich von dem Gedanken des Arbeitsunterrichts Gebrauch zu machen, durch den der Schüler die Fähigkeit, selbst zu denken und zu arbeiten, sich selbst in strenge Zucht zu nehmen, am besten erwirbt, durch den aber nicht nur eine Schulung des Verstandes, sondern Weckung und nachhaltige Förderung aller seelischen Kräfte in obigem Sinne erreicht werden kann … Arbeitsunterricht in unserem Sinne bedeutet regstes, aufmerksamstes Zusammenarbeiten der ganzen Klasse zum Zwecke selbsttätiger Beobachtung und Verarbeitung.” Die tiefgreifende Revision der traditionellen Pädagogik eröffnete zusätzliche Erziehungsfelder und schuf eine neue Grundlage für das Verhältnis von Schule, Schülern und Elternhaus.

Diese inhaltliche Umgestaltung und Erneuerung, die in der Zeit der Weimarer Republik in Angriff genommen wurde, konnte bis 1933 nur ansatzweise zur Wirksamkeit gelangen. Nach 1945, beim Aufbau des Schulwesens der zweiten deutschen Republik, knüpfte man wieder an sie an.

Das Mainzer Realgymnasium von der Jubiläumsfeier 1931 bis zum bitteren Ende 1945
Von Ulrich Backerra

Zur Vorbereitung für die Jahrhundertfeier der Mainzer Realanstalten (Realgymnasium, Oberrealschulen in der Schulstraße und in der Steingasse) wurde schon im November 1928 der “Verein ehemaliger Angehöriger des Realgymnasiums zu Mainz” gegründet. Als Auftakt zur Hauptfeier des 100jährigen Jubiläums der Mainzer Realanstalten fand am 7. März 1931 in der Mainzer Liedertafel eine gelungene interne Feier des Realgymnasiums statt. Die Hauptfeier vom 6. – 8. Juni verlief nach folgendem Programmm:

Samstag, den 6. Juni 1931: 15 Uhr Ehrung der verstorbenen Lehrer und Schüler auf dem Mainzer Friedhof
20.30 Uhr Festkommers in der Stadthalle
Sonntag, den 7. Juni 1931: 9 Uhr kath. Gottesdienst in der Karmeliterkirche
9.30 Uhr evangel. Gottesdienst in der Christuskirche
11 Uhr akademische Feier in der Stadthalle
20 Uhr “Rheinischer Abend” mit Tanz in der Stadthalle
Montag, den 8. Juni 1931: 12.30 Uhr Rheinfahrt nach St. Goar und zurück.

Größere Änderungen betrafen die Schule im Jahr der sogenannten Machtergreifung. Aus den Jahresberichten des Realgymnasiums und dem Nachrichtenblatt des Vereins vom Mai 1933 kann man Zustimmung zu Hitlers Kanzlerschaft entnehmen, nach der Grundhaltung: “Endlich nach 14 Jahren ist das deutsche Volk wieder zur Nation erwacht.” Der Jahresbericht vermeldet: “Ein bedeutungsvolles Ereignis vollzog sich am 7. März um 12.30, als von 3 SA-Männern auf unserem Gebäude die Hakenkreuzflagge gehisst wurde. Das wichtigste Ereignis des abgelaufenen Schuljahres war aber die Schulfeier, die aus Anlass des Sieges der neuen Regierung bei der Reichstagswahl vom 5. März und bei der hessischen StaatspräsidentenwahI vom 13. März in der Stadthalle am 18. März (auf Weisung des NS-Kultusministeriums in Darmstadt) unter besonders feierlichem Gepräge sich vollzog.” Die Festrede hielt vor 2500 versammelten Schülern der Direktor des Realgymnasiums, Dr. Zulauf. Er pries die Regierung Hitler-Papen, die Deutschland wieder in den “Glanz der Freiheit und Ehre” erheben werde, und die neue nationalsozialistische hessische Staatsregierung, “die die lang gehegte Sehnsucht aller nationalempfindenden Volksschichten zu erfüllen bestrebt ist.”

Zulauf war ein typischer Vertreter des Bürgertums, für den Nationalismus so etwas wie eine pflichtgemäße Haltung war. Von den Nazis erhoffte man sich in diesen Kreisen eine Überwindung der Klassengegensätze im Inneren und Wiederherstellung äußerer Macht. Oberstudiendirektor Dr. Zulauf brachte sogar, ebenso wie sein Stellvertreter, zur Unterstützung der neuen Regierung ein persönliches Opfer. Er bat zu Ostern 1933 um Versetzung in den vorzeitigen Ruhestand, nachdem er 14 1/2 Jahre lang, seit 1918, Direktor des Realgymnasiums gewesen war. Diese Bitte um vorzeitige Pensionierung wurde als “nationale Tat” gefeiert, da dadurch Stellen für jüngere Lehrer frei wurden, was zur Minderung der hohen Arbeitslosenquote beitragen konnte. Die freiwerdenden Direktionsstellen wurden dann schnell an eifrige Nationalsozialisten vergeben. Studienrat Dr. Leip aus Bensheim, ein ehemaliger Schüler des Realgymnasiums, wurde am 1. Mai 1933 Schulleiter, machte aber schnell Karriere. Er war schon im Juli Direktor der Eleonorenschule in Darmstadt und wenig später Oberschulrat in der Ministerialabteilung für Bildungswesen, Kultus, Kunst und Volkstum. Der Direktor der Eleonorenschule Darmstadt, August Beck, tauschte sozusagen mit ihm die Oberstudiendirektorstelle und wurde Direktor des Realgymnasiums in Mainz, was er bis Kriegsbeginn blieb. Professor Julius Schulze, der Professorentitel wurde vor 1918 nicht nur an Hochschul-, sondern auch an Gymnasiallehrer verliehen, rückte in die freigewordene Oberstudienratsstelle des Direktorstellvertreters auf, die er bis zum Kriegsende innehatte. Ein späterer Jahresbericht stellt zu den ab dem Jahr 1933 eingetretenen personellen Konsequenzen lapidar fest: “Nach wie vor stehen der Direktor und zahlreiche Amtsgenossen als politische Leiter, Angehörige der SA oder der HJ im Dienste der Partei.” Die offiziellen Akten schweigen über Konflikte im Kollegium, aber einige Lehrer wurden versetzt, Dr. Berghäuser aus dem Staatsdienst entlassen, weil er Sozialist war. Die jüdischen Religionslehrer, Dr. Levi, Eschelbacher und Cantor Jonas, werden in den folgenden Jahresberichten nicht mehr genannt, obwohl Dr. Levi als geachteter Redner noch bei der Jahrhundertfeier aufgetreten war. Gesetzliche Handhabe für ihre Personalpolitik bot den Nationalsozialisten das “Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums” vom 7.3.1933. Es sah die Entlassung aller Beamten vor, die nicht berufsmäßige “Eignung” besaßen oder “nicht arischer Abstammung” waren und auch aller derer, die nach ihrer bisherigen politischen Betätigung nicht die Gewähr dafür boten, “daß sie jederzeit rückhaltlos für den nationalen Staat eintreten” würden. Wer nicht mit der nun herrschenden Meinung übereinstimmte, mußte sich also, wollte er Nachteile vermeiden, still verhalten oder gar in eine nationalsozialistische Organisation eintreten.

Der Nationalsozialistische Lehrerbund Mainz wird in einer Zeitungsnotiz zum zehnjährigen Bestehen 1942 als die stärkste Gruppe in ganz Westdeutschland vor der Machtergreifung gerühmt. Doch das besagt wenig, denn bei den monatlichen Treffen des NSLB in Frankfurt bildeten von den 20 Anwesenden die Mainzer mit vier oder fünf Lehrern eben die größte Gruppe. Das Kollegium des Realgymnasiums bestand damals aus 31 Lehrern. Da aber im NSBL, mit dem übrigens nicht automatisch eine Parteimitgliedschaft verbunden war, die Lehrer aller Schularten vereint waren, der Philologenverband, die Interessengemeinschaft der Gymnasiallehrer, sich bis 1937 gegen eine Überführung in den NSLB sträubte, kann der Prozentsatz an überzeugten Parteigängern im Realgymnasium anfangs nicht sehr hoch gewesen sein; doch hat die stets vorhandene nationalistische Haltung in Verbindung mit dem latenten Antisemitismus den Übergang zum Nationalsozialismus fast reibungslos ablaufen lassen. Im ganzen Reich waren übrigens 22% der Lehrer während des Dritten Reichs Parteigenossen, was im Verhältnis zu den 45% der Ärzte, die nicht so unter dienstlichem Druck standen, vergleichsweise wenig ist.

Das Studienseminar für Gymnasiallehrer war organisatorisch eng mit dem Realgymnasium verbunden; Direktor und Fachlehrer erteilten gleichzeitig auch Unterricht am Seminar. Parteimitgliedschaft oder wenigstens Mitgliedschaft im NSLB war für Lehramtsanwärter von Anfang an kaum zu umgehen, wollte man seine Chancen für eine Einstellung bei der äußerst schlechten Arbeitsmarktlage für Lehrer, die nach dem Examen vielfach unbezahlt unterrichteten, um ihre Anwartschaft zu erhalten, nicht von vornherein mindern. Erstaunlicherweise schützte trotzdem eine Parteifunktion, selbst wenn sie schon vor 1933 bestanden hatte, den einzelnen Referendar nicht vor einer negativen fachlichen oder charakterlichen Beurteilung, wie aus den Seminarakten ersichtlich ist; sachliche Kriterien waren der Parteilichkeit noch übergeordnet.

Die Schüler des Realgymnasiums standen von Beginn des sogenannten Dritten Reichs an unter massiver propagandistischer Beeinflussung durch den Nationalsozialismus. Die “nationale Schulfeier” vom 18. März 1933 war nur der Anfang. Schon hier hatte das Horst-Wessel-Lied die Versammlung beschlossen, was deutlich zeigte, vor welchen Karren das aufrichtige Nationalgefühl gespannt werden sollte.

Auf Anordnung des hessischen Kultusministeriums wurde sofort die in der Weimarer Republik übliche Verteilung der Reichsverfassung an die Schulabgänger eingestellt. Der Unterricht in Staatsbürgerkunde, der zur Förderung des republikanisch demokratischen Staatsgedankens (übrigens ähnlich wie nach 1945) eingeführt worden war, fiel weg. Der Verein der ehemaligen Realgymnasiasten stiftete zwei Ölbilder mit Hindenburg und dem “Volkskanzler” Hitler, die in der Turnhalle der versammelten Schulgemeinde vom Vorsitzenden des Vereins am Jugendtag, dem 24. Juni, mit markigen Worten und Zitaten übergeben wurden. Unter dem Spruchband “Von allen Gütern der Erde, die Gott den Menschen gab, ist das Vaterland das höchste Gut.” fanden sie ihren Platz im Flur des ersten Stockwerks. Damit wurde der “Geist von Potsdam” beschworen, d.h. die anfangs taktisch noch nötige, ungemein geschickte Anbiederung des Nationalsozialismus an das konservative Preußentum. Der Direktor Dr. Leip hoffte, daß in diesem Geiste erzogen, “nur solche Menschen die Schule verlassen werden, wie wir sie im Dritten Reich brauchen”. Alle Schulfeiern (Tag der nationalen Arbeit, Gedenktag für Schlageter, für Eckart, für die beim Hitlerputsch Getöteten) wurden mit dieser Zielrichtung abgehalten; am ersten Schultag im neuen Jahre wurde die Hakenkreuzfahne feierlich gehißt, am letzten ebenso feierlich niedergeholt; nationalsozialistische Propagandafilme wurden gemeinsam besucht, Radioübertragungen von Parteitagsreden u.ä. gemeinsam angehört. Für Freiwillige wurden zwei Wehrsportzüge eingerichtet, die beiden betreuenden Referendare, ein Brüderpaar, vom Referenten des Ministeriums sehr gelobt (was ihnen übrigens dennoch nicht sogleich nach dem Referendariat eine Planstelle einbrachte).

An anderen Schulen wurde offenbar Kritik laut an der starken außerschulischen Beanspruchung durch die Hitlerjugend; ein Erlass verbot daraufhin ausdrücklich, daß bei Leistungsabfall im Zeugnis vermerkt wurde, dieser Leistungsabfall hinge mit der Inanspruchnahme durch die Hitlerjugend zusammen. Diese Auseinandersetzungen gab es am Realgymnasium, wegen der stramm nationalsozialistischen Ausrichtung der Schulleitung, nicht. Außerdem wurden hier nur Schüler mit genügenden Leistungen während der Schulzeit für HJ-Schulungslager beurlaubt. Der Jahresbericht 1933/34, dessen Titelblatt eine Fanfare blasender Hitlerjunge ziert, sagt zum Verhältnis Schule-HJ: “ln der Heranziehung eines kräftigen und gesunden Nachwuchses arbeiten wir Hand in Hand mit der Führung der Hitlerjugend und des Jungvolkes. Nahezu alle arischen Schüler gehören einer dieser beiden Organisationen an und tragen voll Stolz die schmucke Uniform.” Mit der Uniform waren Privilegien verbunden: Kein Hitlerjunge in Uniform durfte z.B. von einem Lehrer geohrfeigt werden. (Bei flegelhaftem Benehmen konnte dies Verbot aber dadurch umgangen werden, daß dem Schüler befohlen wurde, den Halstuchknoten, das Symbol der Uniformierung, abzuziehen; alsbald spürte der Betreffende die damals und noch lange danach allgemein übliche Erziehungsmaßnahme.) An Samstagen war für das Jungvolk (Hitlerjungen von 10 – 14 Jahren) von Juli 1934 bis Dezember 1936 Staatsjugendtag, d.h. unterrichtsfrei zugunsten von Übungen und anderen Veranstaltungen, was jedoch an allen verbleibenden Schultagen zu sechsstündigem Unterricht zwang. Schüler der unteren Klassen, die nicht dem Jungvolk angehörten, mußten samstags in die Schule kommen und dort nationalpolitischen Unterricht über sich ergehen lassen. Alle älteren Schüler, auch Hitlerjungen, hatten normalen Samstagunterricht. 1935 waren 97% der “arischen” Schüler in der HJ organisiert; nur 9 ließen sich auch da trotz Druck und Verheißungen noch nicht überzeugen. Gezwungen sollte keiner werden, da die HJ nur an Freiwilligen Interesse hatte, aber die Lehrer wurden dienstlich angehalten, für die HJ zu werben. Eltern, die sich gegen eine HJ-Mitgliedschaft ihrer Kinder sträubten, wurden vom Direktor geladen und mußten ihre Haltung begründen. Besonderer Augenmerk wurde darauf gerichtet, ob etwa eine Bindung zu konfessionellen Jugendgruppen bestand; diese waren geächtet, Lehrern, auch Religionslehrern, war irgendwelche Werbung dafür ausdrücklich untersagt, wie aus einem vertraulichen Rundschreiben an die Direktionen der höheren Schulen in Hessen vom August 1935 hervorgeht. Im September dieses Jahres wurde die Hitlerjugend offiziell zur Staatsjugend erhoben und war damit “die alleinige Vertreterin der deutschen Jugend in ihrer Gesamtheit.” Der staatliche Druck auf die Lehrer wurde nochmals verstärkt, die Mitgliedschaft der Lehrerkinder in HJ oder BDM zur dienstlichen Pflicht gemacht. Bezeichnenderweise wurde aber der Ausführungserlass des hessischen Kultusministeriums vom 30.9.35 der Presse und den Privatschulen nicht unmittelbar zugeleitet, “um einen Missbrauch” zu verhüten. Offenbar gab es immer noch Möglichkeiten, gegen solche Maßnahmen zu protestieren.

Die körperliche Ertüchtigung “der anvertrauten Jugend” war ein ganz besonderes Anliegen der nationalsozialistischen Schule. Schon der freiwillige Wehrsport am Dienstag nachmittag für ältere Schüler des Realgymnasiums bestand neben dem Kleinkaliberschießen, Kartenlesen u.ä. ja aus “Bewegung im Gelände, Marschieren, Keulenweit- und Zielwurf.” Für alle Klassen wurde ab 1933 ein verbindlicher Spielnachmittag eingeführt, Wandertage wieder abgehalten, der Schwimmunterricht gefördert. Im Schuljahr 1935/36 wurde eine dritte Sportstunde eingeführt, die für Gymnastik und Boxen genutzt werden sollte. Deshalb wurde der zwischen Hauptgebäude und Turnhalle gelegene Singsaal zu einem Boxsaal mit Umkleideraum umgebaut – eine symptomatische Unterrichtsverlagerung. Die sportlichen Erfolge schienen den neuen Kurs zu bestätigen, denn bei Vergleichswettkämpfen mit anderen Schulen belegte das Realgymnasium meist die vorderen PIätze. 1937 wurde erstmals in der Reifeprüfung auch Turnen gefordert und gezeigt.

Eine Viertelstunde vor dem Unterricht fand morgens der sogenannte Arbeitsauftakt statt. Ältere Schüler oder auch Referendare hatten die Ehre, nationalsozialistische Kernsprüche vorzutragen, “ein frisches Hitlerlied” anzustimmen und die Freiübungen zu kommandieren und vorzuturnen. 1938 wurden solche Arbeitsauftakte wegen der nochmals vermehrten Turnstunden wieder eingeschränkt. Die Unterrichtsstoffe wurden sehr schnell auf die neuen Verhältnisse abgestimmt. 1933 heißt es: “Es war unser Bestreben, die uns anvertraute Jugend im nationalsozialistischen Sinne zu erziehen. Ganz besonders war es der Geschichtsunterricht, dem diese Aufgabe zufiel. In allen Klassen stand bis zu den Sommerferien der Kampf für die nationale Erhebung im Mittelpunkt der Betrachtung, während in der Biologie Rassen- und Vererbungslehre behandelt wurde. Zur “vaterländischen Erziehung” boten auch der Deutsch- und Erdkundeunterricht Gelegenheit. Das eigene Volkstum sollte im Fremdsprachenunterricht durch Vergleich mit dem fremden vertraut werden. Ja selbst Mathematik, Physik und Chemie konnten 1936 durch Betrachtung der Probleme des Vierjahresplanes mit der NS-Politik verknüpft werden.

Trotz der offiziellen Ausrichtung auf die NS-Ideologie fiel der tatsächlich gehaltene Unterricht nicht so sehr aus dem überkommenen Rahmen. Weltkriegserlebnisse z.B. wurden schon vor 33 als zeitgenössische Literatur im Deutschunterricht verwendet. Lessing, Goethe, Schiller, Kleist, Eichendorff, Hebbel, Mörike, Raabe, Storm u.a., die auch heute noch ganz unverfänglich gelesen werden, bildeten in den Oberklassen den Kern des Literaturunterrichts. Krampfhaft und Iächerlich wirkt mancher Versuch, diese Dichtung nationalsozialistisch zu rechtfertigen, wenn beispielsweise bei den behandelten Stoffen Schillers “Räuber” auftauchen unter der Überschrift “Soldaten- und Führertum in der deutschen Dichtung.” Die Themen der Deutschaufsätze waren je nach Haltung des Lehrers mehr oder minder traditionell oder angepaßt. Manche begnügten sich damit, neben dem seit 1937 für sämtliche hessischen Schulen im Rahmen der Woche “Schule und Luftschutz” verpflichtenden Aufsatz “Wie schütze ich mein Elternhaus” einen Erlebnisaufsatz über den Heldengedenktag oder den “Vierjahresplan des Führers” zu verlangen. Andere stellen Themen wie “Das rassische Schönheitsideal” oder “Die rassenpolitischen Erfolge der ersten 4 Jahre nationalsozialistischer Regierung”.

Neben den seit 1934 angeordneten Luftschutzübungen waren Pflege und Förderung des Luftfahrtgedankens Pflicht. Die Schulungslager für Modellbau und Segelfliegen boten den abkommandierten Lehrern eine angenehme Abwechslung, was ebenso wohl für die Schüler in den nachmittäglichen Flugmodellbaustunden galt. Während der ganzen Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft wurde auf die gemeinschafts- und charakterbildende Funktion von längeren Schullandheimaufenthalten und Schulfahrten Wert gelegt. Durch kontinuierliches Sparen und Spendenvermittlung an Bedürftige wurde dafür gesorgt, daß kein Schüler sich solchen Klassenveranstaltungen aus finanziellen Gründen entziehen konnte. Die Berichte der teilnehmenden Schüler zeigten ihre Begeisterung, die ins Pathetische und Mystische ging, wenn nur der Ort der Reichsparteitage in Nürnberg besucht worden war.

Trotz aller nationalen Propaganda kapselte man sich gegen das Ausland keineswegs ab. Briefpartnerschaften wurden bis nach den Vereinigten Staaten vermittelt, Schüleraustausch mit England durchgeführt, ein französischer Austauschlehrer angestellt. Kompensiert wurden solche Ansätze zur Völkerverständigung z.T. durch Werbeveranstaltungen militärischer Art, die schon im September 1936 mit einem Manöverbesuch aller Mainzer Primaner begonnen hatten.

Ein leidvolles und unrühmliches Kapitel in der Geschichte des Realgymnasiums ist, wie bei vielen Schulen, die Behandlung der Juden in der Zeit des Dritten Reiches. Anfang 1933 zählte Mainz 2609 jüdische Mitbürger, was etwa 1,8% der Gesamtbevölkerung entsprach. Die Schulstatistik weist dazu eine bezeichnende Entwicklung auf (die Zahlen wurden immer am 15. Mai des neu beginnenden Schuljahres erhoben). Aus den Zahlen kann man entnehmen, daß der Anteil an Schülern israelitischen Glaubens am Realgymnasium relativ hoch war im Vergleich zum Anteil an der Gesamtbevölkerung. Zum altsprachlichen Gymnasium gingen vergleichsweise wenig jüdische Schüler (1933 waren es 10 von 517). Dies ist nicht verwunderlich, wenn man sich die Zielsetzung der Schulen vor Augen führt . Das ursprüngliche Gymnasium war das altsprachliche; es verlieh mit dem Abitur nicht nur die Hochschulreife, sondern diente auch als Vorbereitungsschule für das Priesterseminar. Gläubige Juden dürften wohl weniger gern ihre Söhne dieser Theologen- und Gelehrtenschule anvertraut haben. Die städtische Realschule andererseits war 1831 gerade von Bürgern gegründet worden, um ihrem Nachwuchs eine bessere Vorbildung für die bürgerlichen Berufe in Handel und Handwerk zu bieten. Die Berufe der jüdischen Eltern waren aus historischen Gründen besonders stark in Kaufmannsbereichen angesiedelt; als väterliche Berufe der jüdischen Abiturienten des Realgymnasiums taucht meist die Bezeichnung Kaufmann auf, daneben auch Fabrikant, Handwerksmeister oder Beamter. Der aufstrebende Mittelstand schickte seine Kinder natürlich am liebsten in eine Schule, die berufspraktischer ausgerichtet war als das humanistische Gymnasium, Naturwissenschaften, Erdkunde und moderne Fremdsprachen besonders förderte, aber auch die volle Hochschulzugangsberechtigung erteilte. Für den nach oben strebenden Mainzer Mittelstand, zu dem viele Juden gehörten, kam also nur das Realgymnasium in Frage.

Seit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten sank die Zahl der jüdischen Realgymnasiasten; wie viele es genau waren, ist aus der Statistik nicht ersichtlich, da diese nur die Glaubensjuden, nicht aber die sogenannten Rassejuden christlicher Konfession aufzählt, die aufgrund der nationalsozialistischen Ideologie keineswegs weniger verfolgt wurden. Die Schulschriften und -akten vermelden kaum etwas über diese Verfolgung. Obwohl noch bis 1938 jüdische Schüler am Realgymnasium unterrichtet wurden, es waren 1938 je einer in 3a und 3b und zwei in 6b, meldet der Jahresbericht 1935/36, als noch 20 israelitische Schüler aufgeführt wurden: “Die Leibesübungen am Realgymnasium erlebten einen bedeutenden Aufschwung durch das Ausscheiden der jüdischen Schüler, die wegen ihrer durchschnittlich schlechten Begabung für Turnen und Sport den Fortschritt der Klassen hemmten”. Jährlich wurde Juden der Zugang zu höheren Schulen verwehrt, die Schulpflicht für Juden 1938 aufgehoben, um sie so in ihrer Intelligenzentwicklung zu schädigen. Für jüdische Schüler gab es von 1934-1942 eine jüdische Bezirksschule in Mainz bei der Synagoge in der Hindenburgstraße, nach deren Brand in der Forsterstraße, die von Rabbiner Dr. Levi geleitet wurde. Es war eine zehnklassige private Volksschule ohne staatliche Unterstützung, deren Unterrichtssoll verkürzt war gegenüber dem sonst üblichen. Ein Teil der jüngeren jüdischen Schüler des Realgymnasiums ist möglicherweise auf diese Schule übergewechselt. Jedenfalls sank die Zahl der Schüler des Realgymnasiums 1935 auf etwa 450, was allerdings als alleinige Auswirkung schärferer Auslese ausgegeben wurde. Immerhin konnten, wie schon oben angeführt, im Jahre 1938 noch vier Schüler israelitischen Glaubens diese Schule besuchen.

Ins Jahr 1937 fiel die größte Änderung im Bereich der höheren Schulen. Teilweise wurden dabei Vereinheitlichungspläne vollzogen, die schon während der Weimarer Republik im preußischen Unterrichtsministerium erstellt worden waren. Die Akzentuierung erfolgte aber ganz im nationalsozialistischen Sinn. Im Jahr 1936 war die Schulzeit aus wehr- und wirtschaftspolitischen Gründen auf 12 Jahre herabgesetzt worden, d.h. auf die höheren Schulen entfielen bis zum Abitur nur noch 8 Jahre. Die verschiedenen Typen der höheren Schulen wurden ab Ostern 1937 zusammengefasst als Oberschulen, nur das altsprachliche Gymnasium wurde weiter als Sonderform unter der Bezeichnung Gymnasium geführt. Statt wie bisher mit Latein, mußte jetzt auch am vormaligen Realgymnasium, jetzt Oberschule für Jungen genannt, in der Sexta mit Englisch begonnen werden, in Quarta kam dann erst Latein hinzu. Die letzten drei Schuljahre gabelten die Oberschule in einen mathematisch-naturwissenschaftlichen und einen fremdsprachlichen Zweig, in dem Französisch als dritte Fremdsprache gelehrt wurde. Für die völlige Umgestaltung des Unterrichts wurden im März 1937 noch acht Jahre veranschlagt, doch nur zwei Jahre später wurden die unteren Klassen schon ganz nach den neuen Lehrplänen und Stundentafeln unterrichtet, die oberen Klassen den neuen Zielen angeglichen. Ab 1938 wurden die Klassen nicht mehr von Sexta bis Prima, sondern von 1. bis 8. Klasse durchnumeriert, um auch die äußere Tradition abzuschneiden.

Ideologisch folgerichtig setzte die nationalsozialistische Neuformung des Schulwesens an die Spitze des Unterrichts die Leibeserziehung. Sie wurde auf der Oberschule in allen Klassen mit 5 Wochenstunden bedacht, die mit Spielen, Leichtathletik, Schwimmen, Turnen, auf der Oberstufe auch mit Boxen und Rudern – beim Mainzer Ruderverein – ausgefüllt wurden. Leistungen in Leibesübungen wurden nach Punkten zwischen 1 und 9 bewertet, der altersgerechten Normalleistung entsprachen 5 Punkte, d.h. Note 3 oder “befriedigend”.

Nach der Leibesübung wurden in einer zweiten Gruppe die Fächer zusammengefasst, in der die Jugend in der “neuen Geistesrichtung der Nation” gefestigt werden sollten, auf dass “sie ihres Deutschtums bewusst, selbstsicher, wehrhaft und tatbereit” werde, denn “nicht der beschauliche, sondern der tätige Mensch ist das Ziel.” Diese Gruppe erhielt den Namen “Deutschkunde”, wozu als Einzelfächer Deutsch, Geschichte, Erdkunde, Kunsterziehung und Musik gehörten.

In einer dritten Gruppe folgten die Mathematik und die Naturwissenschaften Biologie, Physik und Chemie. In der vierten, der Fremdsprachengruppe, erschien nun Englisch als obligatorische erste Fremdsprache, wobei im Jahresbericht angemerkt wurde, daß die Erfolge zufriedenstellend seien, obwohl gerade das Englische durch Aussprache und Schreibung für Anfänger mancherlei Schwierigkeiten biete. Man erkennt daraus unschwer ein leises kritisches Bedauern über die Verdrängung des Lateinischen als erste Fremdsprache, das nun erst von der dritten Klasse bis zur Reifeprüfung unterrichtet wurde. Französisch sollte nach der Übergangszeit nur noch im neusprachlichen Zweig der Oberschule erteilt werden. Religion schließlich war in den ersten vier Klassen zweistündig, in den vier oberen nur einstündig bedacht. In der schriftlichen Reifeprüfung wurde zu Ostern 1939 gefordert: ein deutscher Aufsatz, eine mathematische, eine lateinische und eine englische Arbeit (Nacherzählung).

Hervorgehoben wurde stets die Zusammenarbeit zwischen den drei “Erziehungsmächten” Elternhaus, Hitlerjugend und Schule. Schon 1934 waren die gewählten Schulelternbeiräte aufgelöst worden und die “Schulgemeinde” aus Lehrern und Eltern gebildet worden. Als ” Jugendwalter” amtierten ein Jugendführer der HJ, bis zu fünf vom Schulleiter berufene Berater aus der Elternschaft und der Schulleiter selbst als Führer der Schulgemeinde. Der Zweck dieser Einrichtung war, mögliche Interessengegensätze von vornherein zu unterdrücken, das antidemokratische Führerprinzip auch in der Schule zu verankern und vor allem die “völkische Erziehung” abzusichern, mussten doch die Jugendwalter aus der Elternschaft mit Zustimmung der NSDAP bestellt und konnten jederzeit von der Schulauf sichtsbehörde abberufen werden.

Der enge Zusammenhalt zwischen Schule und dem Verein ehemaliger Realgymnasiasten zeigte sich in politischer Hinsicht auch bei der auf Antrag von Oberstudiendirektor Beck erfolgten Umbenennung des ehemaligen Realgymnasiums in” Hermann-Göring-Schule, Oberschule für Jungen” am 22. Dezember 1937. Der Verein stiftete sogleich bei der Umbenennungsfeier ein Ölgemälde des neuen Namenspatrons. Im Nachrichtenblatt wurde aber darauf verwiesen, daß über der Eingangstür der Name “Realgymnasium” erhalten geblieben sei; man müsse sich bei Wahrung der stolzen Tradition des Realgymnasiums des neuen Namens würdig erweisen. Es wurde außerdem in dieser Zeit aus Spenden die Eingangshalle in eine Ehrenhalle mit Hitlerbüste und Blumenpodest umgewandelt, damit gleich beim Eintreten der Geist des Hauses offenkundig würde. Wohin er führen könnte, hatte schon 1936 ein patriotischer ehemaliger Schüler des Realgymnasiums, der nach New York ausgewandert war, in einem (im Nachrichtenblatt des Vereins abgedruckten) Dankesbrief auf die Glückwünsche zu seinem 70. Geburtstag geahnt: “Die Nachrichten, die wir aus Europa erhalten, lassen das Schlimmste befürchten. Hoffentlich erlebe ich nicht einen zweiten Weltkrieg. Wir können hier einfach nicht verstehen, dass die Waffen entscheiden müssen zwischen dieser und jener Regierungsmethode, anstatt die Wahlurne, und hier ist die Wahl wirklich der ungezwungene Ausdruck des Volkswillens.” Nach dem Münchener Abkommen musste auf Anweisung 1938 in den Schulen die Kampfbereitschaft unter dem Motto “Ist Luftschutz heute noch nötig?” wieder geweckt werden. Im Volk hatte sich, Hitlers Pläne verkennend, Saturiertheit breitgemacht, ein Aufatmen, dass Deutschland nur mit Drohgebärden ohne Krieg seine seit dem Versailler Vertrag angestrebten Ziele erreicht hatte.

Im September 1936 waren schon drei Schüler ohne Reifeprüfung aber mit vollgültigem Reifezeugnis aus der Schule entlassen worden, weil sie den Offiziersberuf ergreifen wollten. Zu Ostern 1937 wurden, wegen Verkürzung der Schulzeit auf 12 Jahre, gleich zwei Jahrgängen ohne schriftliche Reifeprüfung das Abitur erteilt, nachdem die Unterprimaner in wenigen Wochen den Lehrstoff der Abschlußklassen eingetrichtert bekommen hatten. Mit Kriegsbeginn 1939 erhielten die zum Heeresdienst einberufenen Schüler der Abschlußklassen ein Abgangszeugnis mit Reifevermerk, ohne Prüfung, was sich während des Krieges fortsetzte. (Nach dem Krieg wurde dies natürlich nicht anerkannt, die Kriegsteilnehmer mußten nochmals die Schulbank drücken). Normale Reifeprüfungen wurden aber weiterhin auch abgenommen.

Mit dem Zweiten Weltkrieg änderte sich natürlich noch viel mehr. Oberstudiendirektor Beck leistete ab September 1939 als Offizier zunächst Kriegsdienst, ab 1. Dezember übernahm er die Stellvertretung des Oberschulrats Dr. Leip, seines Vorgängers, in der Schulabteilung Darmstadt, ab September 1942 war er regulär Oberschulrat. Ab 1 Januar 1943 wurde Oberstudiendirektor Dr. Ratz vom Adam-Karrillon-Gymnasium Leiter der Hermann-Göring-Schule; da er aber zur Wehrmacht einberufen war, lag von Kriegsbeginn bis -ende die tatsächliche Leitung der Schule bei Oberstudienrat Prof. Julius Schulze.

Für Sammel- und Hilfsdienst aller Art waren die Schüler schon immer eingesetzt worden. Besonders rührig hatte man von seiten des Realgymnasiums stets dem Ende des 19. Jahrhunderts gegründeten V.D.A., dem Verein (später Volksbund) für das Deutschtum im Ausland geholfen, der seinerseits das Deutschtum durch die deutschen Schulen im Ausland förderte, soweit der Staat nicht unterstützte. Andere jährliche Sammlungen galten z.B. dem Roten Kreuz, dem Winterhilfswerk und dem Jugendherbergswerk. Die im Kriege verstärkt durchgeführte Altmaterialsammlung hatte schon 1937 mit einer Kastaniensammlung und im folgenden Jahr mit Metallabfall- und Knochensammlungen ihren Anfang genommen. 1938 war eine ganze 7. Klasse im Oktober im Ernteeinsatz. Solche Einsätze fanden ihre Fortsetzung im Krieg. 1941 leisteten Schüler Wiederaufbauhilfe in Nackenheim nach einem Fliegerangriff.

Beim Luftangriff vom 11./12. August 1942 brannte das Dach der Schule ab, die Brandwachen konnten aber ein Ausbreiten des Feuers verhindern. Wegen der Beschädigungen auch an anderen Schulen konnte der Unterricht bis Januar 1943 nur an der Gutenbergschule stattfinden, und zwar für alle fünf höheren Schulen von Mainz in drei Schichten von 7.45-10.45 Uhr, von 11-14 Uhr und von 14.30-17.30 Uhr. Am 11. Januar 1943 wurde die Hermann-Göring-Schule, notdürftig repariert und noch teilzerstört, mit einer Feierstunde wiedereröffnet. Sie nahm jetzt auch das Adam-Karrillon-Gymnasium mit auf, dessen Direktor in Abwesenheit ja nominell Direktor der Hermann-Göring-Schule geworden war. Im März 1943 wurden die sechsten und siebten Klassen nur noch in Physik und Chemie in ihrem Schulgebäude unterrichtet; sie standen als Luftwaffenhelfer-Klassen in den Flakstellungen bei Hochheim und Bierstadt, wo sie notdürftig Unterricht erhielten. Die 6. Klasse wurde im Mai schließlich aufgelöst, verbleibende Schüler zur Gutenbergschule geschickt, die ihrerseits Schüler der 7. Klasse, die weder als Luftwaffenhelfer noch im Arbeitsdienst eingesetzt waren, der Hermann-Göring-Schule überwies. Im August 1943 wurden auch Schüler aus den fünften Klassen als Flakhelfer in Rüsselsheim eingesetzt. Im Dezember 1943 fiel ein Schüler der Hermann-Göring-Schule, als seine Flakstellung von einer Bombe getroffen wurde.

Nur bis 1940 wurde der im Krieg gefallenen Lehrer und ehemaligen Schüler ausführlicher gedacht; die späteren Jahresberichte vermitteln eher ein optimistisches Bild, als ob trotz des Krieges nennenswerte, unwiederbringliche Verluste nicht eingetreten seien. Nach Bombenangriffen Anfang September 1944 ruhte der offizielle Schulbetrieb wegen der schweren Beschädigungen des Gebäudes, doch wurde, wie aus Erinnerungen Ehemaliger hervorgeht, bis zum schwersten Luftangriff auf Mainz am 27. Februar 1945 noch in kleinen Gruppen an unterschiedlichen Orten Unterricht in schulübergreifender Weise von den Lehrern angeboten, die noch in Mainz lebten. Gerade weil die Schulpflicht nicht mehr erzwungen werden konnte und die äußeren Bedingungen äußerst schlecht waren, wurde Schülern und Lehrern überdeutlich, dass Schule mehr bedeutet als eine freizeitstörende Zwangsveranstaltung auf unbequemen Stühlen in engen Räumen. In den letzten Kriegs- und ersten Nachkriegsjahren ist wohl manchem Schüler die Einsicht in den Wert der Bildung gekommen, so dass er aus eigenem Bemühen später nachholte, was ihm die Schule nicht mehr hatte anbieten können.

Die Oberschule in der Greiffenklaustraße und das Gymnasium am Kurfürstlichen Schloss (1945 - 1960)

Von Peter Lautzas

1. Neuanfang und Wiederaufbau ( 1945 – 1950 )

Nach dem Einmarsch der Amerikaner am 21. März 1945 blieben die Schulen zunächst geschlossen. Die Militärregierung gestattete nach längeren Verhandlungen vom 1. Juni an Betreuungsunterricht für die vier untersten Klassen der höheren Schulen, um die Kinder wieder unter den erzieherischen Einfluß geordneter Verhältnisse zu bringen. Wegen der Schwierigkeiten im Verkehr mit den Vororten wurden in Gonsenheim und Kostheim Zweigstellen der Mainzer höheren Schulen unterhalten. Mit dem Einzug der französischen Besatzungstruppen in Mainz im Juli 1945 wurde der Betreuungsunterricht eingestellt.

Die französische Militärregierung nahm auf das Schulwesen sehr starken Einfluß. Längere Zeit überwachte und steuerte sie den Neuaufbau des Schulwesens unmittelbar, zunächst durch ihre örtlichen Organe, in Mainz durch den Delegué du Cercle de Mayence, dann im Zuge des Aus- und Aufbaus der Verwaltung innerhalb der Besatzungszone durch ihre Organe in den Regierungsbezirken, im Mainzer Raum durch die Delegation du District de Hesse-Rhenanie. Verfügungen der französischen Besatzungsbehörde ergingen in Mainz direkt an den Beauftragten für die höheren Schulen, am 21. Mai war dazu Studienrat Dr. Mayer ernannt worden, der gleichzeitig als neuer Leiter des (humanistischen) Gymnasiums eingesetzt wurde, der sie an die einzelnen Schulen weiterleitete und auch umgekehrt über die Vorgänge an den Schulen zusammenfassend berichtete. Für die deutsche Verwaltung war seit August 1945 das Oberregierungspräsidium Pfalz-Rheinhessen in Neustadt a.d.W. zuständig mit der Abteilung Unterricht und Kultus, in der Professor Dr. Börschinger Referent für das höhere Schulwesen war. Die finanzielle und bauliche Betreuung der höheren Schulen im Mainzer Bezirk oblag dem Regierungspräsidenten von Rheinhessen. Nach der Bildung der Landesregierung Rheinland Pfalz wurden die höheren Schulen Anfang 1947 unmittelbar dem Minister für Unterricht und Kultus in Koblenz unterstellt. (Die Landesregierung siedelte Anfang August 1950 nach Mainz über.) Damals hörte auch der unmittelbare Verkehr mit der örtlichen Militärregierung auf. Zuständig blieb als Organ der Besatzungsbehörde die Delegation Superieure der Militärregierung in Koblenz, aber auf dem indirekten Wege über das Kultusministerium. Die Schulverwaltung war also von jetzt an wieder in deutscher Hand.

Bis dahin waren die Schulen gehalten, in einer Fülle von monatlichen und vierteljährlichen Berichten der zuständigen französischen Behörde und auch den deutschen Verwaltungsstellen nach bestimmten Gesichtspunkten genaue Auskünfte über die schulischen Verhältnisse und ihre Entwicklung zu geben. Diese Berichte, zweisprachig abgefaßt und in Kopie im Schularchiv so gut wie vollständig erhalten, sind auch im Falle des Schloßgymnasiums eine ausgezeichnete Quelle für die überaus schwierigen Anfangsjahre.

Das erste Schreiben aus der Zeit nach 1945 datiert vom 20. Juli und ist an den französischen Stadtkommandanten gerichtet. Es handelt sich um einen Bericht über einen Unterricht, der im Gebäude des alten Realgymnasiums offensichtlich bereits vonstatten ging. Aus dem Text geht hervor, daß es sich wohl um den oben genannten Betreuungsunterricht für die unteren Klassen gehandelt haben wird: ” Der genehmigte Unterricht umfaßt: Unterweisung in Religion, im Lesen, in Rechnen, Englisch, in Grammatik (französischer?) und in Spielen. Zur Zeit werden 280 Schüler in 9 Klassen von 12 Lehrern unterrichtet, die zu keiner Zeit Mitglieder der NSDAP waren.”

Der offizielle und allgemeine Wiederbeginn des Unterrichts in allen Schularten wurde von der französischen Militärregierung auf den 1 . Oktober 1945 festgesetzt. Wichtige vorbereitende Besprechungen der Leiter aller höheren Schulen in Rheinhessen fanden im August und September unter Leitung des Referenten für das höhere Schulwesen beim Oberregierungspräsidium Pfalz-Rheinhessen und in Anwesenheit eines Vertreters der Militärregierung im humanistischen Gymnasium in der Marienschule (Willigisplatz) statt. Das Besprechungsprotokoll vom 16. August ist im Schularchiv erhalten und soll, da es einen sehr guten Eindruck vom Neuanfang 1945 gibt, auszugsweise im Wortlaut wiedergegeben werden: “Die Gymnasien werden im alten Umfang wieder geöffnet. In allen Vollanstalten erscheint die neunte Klasse wieder …. Mädchen und Knaben werden gemeinsam erzogen …. Diesen Herbst findet keine Versetzung statt, auch keine Neuaufnahme, wenigstens nicht in Klasse eins …. Religion wird mit 2 Stunden für alle Klassen wieder eingeführt. Turnen wird auf 2 Stunden für alle Klassen zurückgesetzt …. Geschichte fällt in der 1. und 2. Klasse weg. Vorerst auch in allen anderen Klassen …. Auch Staatsbürgerkunde erscheint wieder in Verbindung mit Geschichte … Französisch wird als erste lebende Fremdsprache in allen Schulen eingeführt … In der Übergangszeit für die Oberklassen 2 – 3 Stunden …. Biologie fällt zunächst aus ….” Besonders heikel war die Frage der Unterrichtsmaterialien, die natürlich alle aus dem 3. Reich stammten. “Die Lehrbuchfrage ist für Mathematik am leichtesten. Man braucht dazu keine Bücher. Die Bücher vor 1933 sind im allgemeinen ohne nazistischen Einschlag. Die Bücher nach 1933 sind untragbar. – In Geschichte genügt zunächst ein Zahlenbuch, auch hier müssen neue Bücher vorbereitet werden. – Erdkunde kann ohne Bücher unterrichtet werden …. – In Latein, Griechisch und Französisch sollen Lesebogen bis zu 16 Seiten für den ersten Bedarf hergestellt werden. Lesebogen sind nur ein Notbehelf, bis die Bücher erscheinen. Bücher nach 1933 müssen verschwinden. Bücher von vor 1933 sollen nur mit Vorsicht benutzt werden. Alle militärischen und rassischen Stoffe sind auszumerzen. Alle Bücher müssen vorher genehmigt werden …”

Es wurde festgelegt, dass die nationalsozialistischen Reformen rückgängig gemacht und Aufbau, Stundentafeln und Lehrpläne der höheren Schulen im wesentlichen wieder nach den Verhältnissen der Zeit vor 1933 ausgerichtet werden sollten. Der Bildungsschwerpunkt der verschiedenen Schultypen wurde wieder klar herausgestellt. Die Reinigung von nationalsozialistischen Tendenzen war Grundforderung für alle Fächer. Der Befehl der Militärregierung vom 14. September zur Wiedereröffnung der Schulen präzisiert die Anweisungen für den abzuhaltenden Unterricht: “In allen Klassen der Höheren Schulen wird als erste Fremdsprache Französisch mit 6 Wochenstunden eingesetzt. In Geschichte soll zunächst nur alte Geschichte in der 3. und 6. Klasse gelehrt werden und zwar auch in den Oberrealschulen. In der Erdkunde darf zunächst nur allgemeine Geographie, die Geographie Frankreichs, Nord- und Südamerikas sowie des ostindischen Archipels sowie Australiens gelehrt werden. Der Biologieunterricht ist zugelassen …” Der starke Einfluß der französischen Besatzungsbehörde kam ferner darin zum Ausdruck, dass Französisch nicht nur allgemein erste Fremdsprache, und das noch 6stündig war, sondern auch in allen Klassen täglich eine Stunde gelehrt werden mußte. Alle zugelassenen Lehrer hatten vor Aufnahme ihrer Unterrichtstätigkeit die folgende Erklärung zu unterschreiben: “Ich verpflichte mich, im Unterricht keine nationalsozialistischen oder militärischen Gedanken zu vertreten und keine feindselige Haltung gegen die Besatzungsmacht einzunehmen, zu dulden oder zu fördern. Ich weiß, daß jede Zuwiderhandlung meine fristlose Entlassung herbeiführt.” Trotz der geringen Zahl der von der Militärregierung zugelassenen Lehrkräfte sollte der Unterricht in allen Klassen eröffnet werden, selbst bei Überbelastung der Lehrkräfte, die bis zu 30 Wochenstunden zu leisten hatten.

Zur Wiedereröffnung der Schulen in Mainz fand am 1. Oktober 1945 eine von der Stadt vorbereitete gemeinsame Feier der Volksschulen und der höheren Schulen in einem schlichten Rahmen statt, zu der Vertreter der weltlichen und kirchlichen Behörden und der Militärregierung sowie Eltern und Schüler erschienen waren. Oberstudiendirektor Dr. Mayer und Schulrat Göbel würdigten in Ansprachen die Bedeutung des Neubeginns.
Im Gebäude des alten Realgymnasiums waren bei Kriegsende zwei Oberschulen untergebracht: Die ehemalige Hermann-Göring-Schule und die Gutenbergschule. Beide Schulen blieben nach dem Krieg zusammen. Diese neue Schule erhielt im September 1945 die neutrale Bezeichnung: “Oberschule für Jungen in der Greiffenklaustraße”, später “Oberschule in der Greiffenklaustraße”. Zum Leiter wurde Studienrat Dr. Wilhelm Bredel bestellt.

Im Auftrag des Oberbürgermeisters traf er bereits im April und Mai 1945 die notwendigen Vorbereitungen für eine Wiederaufnahme des Unterrichts in den höheren Schulen von Mainz. In dieser Funktion von Dr. Mayer abgelöst, übernahm er am 2. Juni 1945 bis zur Ernennung von Oberstudiendirektor Dumont im Oktober 1946 die Leitung der Oberschule für Jungen in der Greiffenklaustraße. Der erste Monatsbericht Dr. Bredels vom 9. November 1945 charakterisiert gut die damalige Situation: “Befreit von einem langen unangenehmen Druck haben Lehrer und Schüler freudig die Arbeit wieder aufgenommen. Es ist festzustellen, daß vor allem die reiferen Schüler sehr froh darüber sind, wieder einer regelmäßigen Beschäftigung nachgehen zu können. Der Zustrom in den oberen Klassen (vor allem in der Oberprima) war so stark, daß die Klasse geteilt und zwei Klassen mit je 25 Schülern gebildet werden mußten. Die Schüler, die schon ihren Reifevermerk haben (provisorische Hochschulreife) wollen ihre Kenntnisse vermehren und vertiefen. Da es uns an Lehrern fehlt (es sind nur politisch absolut einwandfreie Lehrer im Dienst und darunter sind viele, die sich pensionieren lassen könnten), mußte die Zahl der Unterrichtsstunden in jeder Klasse vermindert werden … Da wir gezwungen sind, den Unterricht ohne Bücher abzuhalten, macht sich das Fehlen von Kreide sehr unangenehm bemerkbar … Die Disziplin unserer Schüler ist in den letzten Wochen etwas besser geworden.”

Eine der ersten Maßnahmen war, personell und hinsichtlich der Unterrichtsmaterialien die nationalsozialistische Vergangenheit zu tilgen. In der Oberschule für Jungen war, wie aus dem Endbericht vom 9. September 1946 hervorgeht, eine Großaktion erforderlich, um diese Auflage zu erfüllen: 1741 Schulhandbücher, 1036 Bücher aus der Lehrerbibliothek und 620 Hefte mit politischem und militaristischem Inhalt wurden ausgesondert und in einem abgeschlossenen Kellerraum deponiert. Das waren insgesamt 3 Tonnen Lesematerial! Die ausgesonderten Filme wurden vernichtet.

Ähnlich rigoros und gründlich wurde die Entnazifizierung der Lehrkräfte durchgeführt. Zweck dieser zunächst von den Franzosen selber, später (ab Sommer 1946) von den deutschen Behörden durchgeführten Aktion war, wie die “Landesverordnung zur politischen Säuberung im Lande Rheinland – Pfalz” aussagte (“Amtliche Mitteilungen der Provinzialregierung Pfalz Nr. 27 vom 3. Juli 1947, § 1”): “Zur Befreiung unseres Volkes vom Nationalsozialismus und Militarismus und zur Sicherung dauernder Grundlagen eines deutschen demokratischen Staatslebens in Frieden mit der Welt werden alle, die die nationalsozialistische Gewaltherrschaft aktiv unterstützt oder sich durch Verstöße gegen die Grundsätze der Gerechtigkeit und Menschlichkeit oder durch eigennützige Ausnutzung der dadurch geschaffenen Zustände verantwortlich gemacht haben, von der Einflußnahme auf das öffentliche, wirtschaftliche und kulturelle Leben ausgeschlossen und zur Sühneleistung verpflichtet.” Die Militärregierung hatte für die Wiedereröffnung des Schulbetriebs am 11 . September 1945 konkret verfügt: “Alle Lehrkräfte, die Mitglieder der NSDAP oder einer ihrer Gliederungen wie SA, SS, NSKK, NSKF gewesen sind, wie auch die, die von einer Einzelmaßnahme wie Entlassung oder Suspendierung betroffen worden sind, sind vom Lehramte ausgeschlossen.” Alle Beamte wurden durch die entsprechende Abteilung der “Zentralen Spruchkammer” beim Oberregierungspräsidium in Neustadt auf ihre politische Vergangenheit hin überprüft. Die Spruchkammer fällte folgende Urteile:

– Belassung im Dienst
– Versetzung und Rückstufung
– Vorrückungssperre für eine bestimmte Zeit
– Gehaltskürzung
– Anstellungssperre für eine bestimmte Zeit (bei Assessoren)

Die Verhandlungen zogen sich bei diesem großen Personenkreis Monate um Monate hin. Solange kein positiver Z.S.K.-Entscheid vorlag, durfte ein Lehrer nicht unterrichten, das heißt, er war arbeitslos, mußte sich mit Hilfsarbeiten über Wasser halten. So hatten z.B. im September 1946 noch 20 Lehrer keinen Entscheid. Erst Ende 1948 war diese Prozedur beendet. Für die Schule bedeutete das, daß im Herbst 1945 nur mit 12 Lehrern begonnen werden konnte. Ein Jahr später waren es 28 Lehrer. Im Januar 1949 schließlich nach erfolgter Entnazifizierung und vollständiger Rückkehr aus der Gefangenschaft verfügte die Schule über 38 Lehrer. Obwohl angesichts der bewilligten 44 Planstellen immer noch ein Bedarf übrig blieb, konnte der Unterricht einigermaßen normal abgehalten werden. So war es auch vertretbar, im März 1949 vier Lehrer, die über die Altersgrenze hinaus Dienst taten, in den Ruhestand zu entlassen. Die menschliche Situation dieser Anfangsjahre dokumentiert sich gut anhand der Rubrik “Geisteshaltung” der monatlichen Schulberichte. Es seien nur einige herausgegriffen:
Bericht vom 5. Juni 1946: “Die Ernährung macht sich in letzter Zeit empfindlich bemerkbar. Auswärtige Lehrer und Schüler, die mit der Bahn kommen und mitunter sehr früh aufstehen müssen, sind bis 1 Uhr ohne Frühstück.”
Bericht vom 10. Juli 1946: “Lehrer und Schüler können kaum noch den an sie gestellten Anforderungen entsprechen.”
Bericht vom 18. Dezember 1946: “Die Hälfte der Lehrer wohnt nicht in Mainz und muß mit der Bahn oder Straßenbahn zur Schule kommen. Viele Lehrer können über Mittag nicht nach Hause und bleiben im Schulhaus.”
Bericht vom 2. Januar 1947: “Alle im Dienst befindlichen Lehrkräfte versuchen auch weiterhin unter Aufbietung ihrer ganzen Kraft so gewissenhaft und gut wie nur möglich ihren Unterricht zu halten … Das Ernährungsproblem steht für die gesamte Unterrichtstätigkeit so sehr im Vordergrund, daß in nächster Zeit mit dem Ausfall weiterer Lehrkräfte zu rechnen ist … Fast alle Kinder aus der Stadt sind unterernährt. Kleidung und Schuhwerk sind bei vielen Schülern unvollkommen … Die Widerstandsfähigkeit der Schüler war infolge der schlechten Ernährung stark geschwächt, so dass zahlreiche Fälle von Erkrankungen – insbesondere infektiöser Art – zu verzeichnen waren. Außerdem wurde bei verschiedenen Kindern Tuberkulose einwandfrei festgestellt.”
Bericht vom 17. Januar 1947: “Die Schüler bemühen sich nach Kräften, den an sie gestellten Anforderungen nachzukommen. Wenn Fleiß und Aufmerksamkeit oftmals zu wünschen übrig ließen, so ist dies u.E. auf die ungenügende Ernährung zurückzuführen. Das Schuhwerk vieler Schüler ist immer noch unvollkommen, und es kam vor, daß Schüler durch das Fehlen von geeignetem Schuhwerk dem Unterricht fern blieben.”

Das Schlüsselproblem bestand in diesen Jahren in der unzureichenden Ernährung. Um der chronischen Unterernährung abzuhelfen, wurden in ganz Deutschland zahlreiche Hilfsmaßnahmen karitativer Einrichtungen aus den westlichen Ländern, vor allem aus der Schweiz und aus Schweden, durchgeführt. Diese Hilfsprogramme liefen schon wenige Monate nach Kriegsende an. In den Schulen, und dies ist ein weiteres Charakteristikum des Schullebens jener Zeit, wurde es in Form von sog. Schulspeisungen durchgeführt. Aus den Unterlagen der Schule geht hervor, daß auch in der Oberschule in der Greiffenklausstraße mehrmals Speisungen von Seiten des Schweizer Hilfswerks durchgeführt wurden, so erstmals ab 11. Mai 1946 zweimal wöchentlich. In den Monaten April und Mai 1948 wurden 25 Tage lang alle Schüler bis 14 Jahren, das waren 560 Schüler, in dieser Weise versorgt. Im Mai 1949 sind wieder Speisungen nachweisbar. In den “Mitteilungen” der Direktion vom 7. Mai heißt es: “Die Speisungen beginnen am Montag, den 9. Mai 1949. Es muß Eßnapf und Löffel mitgebracht werden. Jeder Schüler erhält eine Kontrollkarte, die bei jeder Speisung vorzuzeigen ist. Ausgabe der Speisen am Ende des Vormittagsunterrichts und nachmittags vor Beginn des Nachmittagsunterrichts.” – Daneben gab es mehrfach eine Lebertranspende, die vom Evangelischen Hilfswerk Norwegens (Gustav-Adolf-Werk) zur Verfügung gestellt wurde. So erhielten seit Anfang Mai 1948 täglich 290 unterernährte Schüler einen Eßlöffel Lebertran. Die Aktion dauerte fünf Monate. Im April 1949 machten täglich über 100 Schüler Gebrauch davon. Diese Hilfsprogramme liefen dann Anfang der 50er Jahre langsam aus. 1950 z.B. wurden für bedürftige Schüler zweimal pro Woche in der Pause je ein Brötchen und ein Becher Kakao ausgegeben. Es mußte dafür auch ein Unkostenanteil von DM 2,- monatlich entrichtet werden.

Entsprechend der Notlage jener Zeit existierte auch ein ganz anderes Verhältnis zu Sachwerten. Es fehlte anfangs buchstäblich an allem: Es gab weder Schulbücher noch Kreide, die Heizung funktionierte nicht, Bahnen und Straßenbahnen fuhren selten und unregelmäßig. Einige Schlaglichter mögen die damalige Situation kennzeichnen: Am 8. Mai 1946 bittet der Direktor die Militärregierung um ein brauchbares Radiogerät, die Schule besaß keins.

Es fehlte natürlich auch an Schreibmaterial und Heften. Im August 1947 wurde deshalb z.B. eine Altpapiersammlung in der Schule durchgeführt, um eine Sonderzuteilung von Heften zu erhalten. In der “Mitteilung” vom 19. September heißt es dann: “Es ist uns gelungen, eine größere Anzahl Hefte zu erwerben, so daß jeder Schüler 3 Hefte a 15 Pfg. erhalten kann.” Auch die Vorbereitungen der Lehrer litten ganz erheblich unter dem Mangel an Büchern und Material. Es mußte in den ersten Jahren weitgehend aus dem Gedächtnis und anhand von Manuskripten unterrichtet werden. Erst im Verlauf des Jahres 1949 besserte sich die Situation.
Ein nicht geringes, wenn vielleicht auch heute kaum mehr vorstellbares Problem stellte die Beheizung der Schulräume dar. Bis die zentrale Heizungsanlage am 1. November 1948 wieder in Betrieb genommen werden konnte, mußten die Klassenräume mit Kohleöfen beheizt werden. Die Kohle- bzw. Kokszuteilung war äußerst gering: Nach der Berechnung vom Oktober 1946 stand Schulen im Winter monatlich ein Kilogramm je Kubikmeter Klassenraum zu. So erhielt die gesamte Schule für den ganzen November 1948 13 Tonnen Koks, für den Dezember 14 Tonnen. Nicht selten verzögerten sich die Lieferungen oder blieben ganz aus. Die Schule war deshalb des öfteren zu “Kohleferien” gezwungen, die, wie im sehr kalten Winter 1946/47, bis zu zwei Monaten dauerten. Noch im Februar 1949 muß sich die Schule bei der “Hohen Militärregierung” beklagen:
“Trotz wiederholter Bemühungen bei dem Bezirkswirtschaftsamt und dem Brennstoffamt der Stadt Mainz ist es uns nicht gelungen, den zur Heizung unserer Schule notwendigen Koks zu beschaffen. Wir sehen uns daher leider gezwungen, den Unterricht zunächst auszusetzen, da wir es nicht verantworten können, die Schüler bei der herrschenden Grippeepidemie in ungeheizten Räumen zu unterrichten.”

Für den Besuch der höheren Schule mußte, wie damals üblich, Schulgeld bezahlt werden. Es wurde bis einschließlich März 1945 und dann wieder mit Schulbeginn ab Oktober erhoben. Zunächst wurden die Mittel schulintern verwendet, mußten aber ab dem 1. Januar 1946 wieder an die Regierungshauptkasse in Neustadt abgeführt werden. Nach der Festsetzung vom 22. Oktober 1945 betrug der Grundbetrag 220 Reichsmark pro Jahr, die in monatlichen Raten zu zahlen waren. Es gab Geschwisterermäßigungen und Befreiungen im Umfang von ca. 20% der Gesamtsumme je Schule. Die Schulgelderhebungen wurden rigoros gehandhabt. Wer im Rückstand war, mußte mit einer Pfändung rechnen, wer es mit drei Monaten war, mit dem Ausschluß vom Unterricht. Die Schulgeldverpflichtung wurde erst mit dem 1. Januar 1962 auf gehoben, jedoch wurde schon ab Mitte der 50er Jahre der freie Verfügungsfonds für Fördermaßnahmen (Erziehungsbeihilfen, Schulgeldermäßigung, Einrichtung einer Schülerhilfsbücherei) nach und nach von 20% bis 50% der Schulgeldeinnahmen erhöht.

Der Unterricht lief anfangs in sehr beengten Verhältnissen ab. Abgesehen davon, daß im Laufe der Jahre an einzelnen Gebäudeteilen erst die Kriegsschäden beseitigt werden mußten und dadurch Raummangel entstand, war zusätzlich ab 19. November 1945 für einige Monate die Frauenlobschule mit rund 400 Schülern mit untergebracht, bis das Gebäude in der Adam-Karrillon-Straße wieder instand gesetzt war. Die insgesamt 1100 Schüler wurden turnusmäßig unterrichtet: Montag, Mittwoch und Freitag hatte das Jungengymnasium Unterricht, Dienstag, Donnerstag und Samstag die Mädchenschule. Auch als die Mädchen das Gebäude wieder verlassen hatten, war es nicht möglich, alle Schüler gemeinsam zu unterrichten. Es war Schichtunterricht erforderlich, wobei die unteren Klassen (bis Untertertia einschließlich) und die oberen Klassen in monatlichem Wechsel Montag bis Mittwoch vormittags und Donnerstag bis Samstag nachmittags bzw. Montag bis Mittwoch nachmittags und Donnerstag bis Samstag vormittags unterrichtet wurden. Im November 1949 hatte dieses Provisorium endlich ein Ende. In der “Mitteilung” vom 5. November heißt es: “Durch die Einführung des Vormittagsunterrichts ist das Schulhaus so stark belegt, daß in jeder Beziehung strenge Ordnung gehalten werden muß. Dazu gehört auch vor allem, daß die Schüler nach der Pause nach Klassen geordnet im Hof sich aufstellen und in dieser Ordnung in ihre Klassen gehen. Die Stelle, an der die einzelne Klasse sich beim Schellen aufstellen soll, ist an der Wand des Schulhauses gekennzeichnet.”

Lehrpläne gab es zu Beginn verständlicherweise noch nicht. Im Schularchiv ist aus den Jahren 1945-1950 eine Fülle von Entwürfen für alle Fächer vorhanden, die darauf schließen läßt, daß es nur in geringem Umfang allgemein verbindliche Richtlinien gab und daß ferner offensichtlich keine klaren bildungspolitischen Vorstellungen seitens der Franzosen bestanden. In der Richtlinie Nr. 54, die am 25. Juni 1947 durch den Alliierten Kontrollrat herausgegeben wurde, formulierten die Siegermächte die Prinzipien für den Neuaufbau des Bildungswesens in ganz Deutschland.

Die Franzosen versuchten aber, in ihrer Besatzungszone das Schulwesen an die Verhältnisse in Frankreich anzugleichen: Ab Weihnachten 1948 wurden Tertiale eingeführt, d.h. es gab Zeugnisse zu Beginn der Weihnachts- und Osterferien und am Schuljahresende im Juli. Ferner erging eine Anordnung der französischen Militärregierung in Bad Ems etwa sechs Wochen vor dem Prüfungstermin (!) das Abitur nach französischem Muster in Form des Zentralabiturs durchzuführen. So fand dann im Juli 1947 die mündliche Reifeprüfung für alle höheren Schulen Rheinhessens in Mainz, und zwar in der Schule an der Greiffenklaustraße statt. Zehn Tage lang wurden täglich 30 bis 35 Schüler von mehreren Prüfungskommissionen für die einzelnen Fächer parallel geprüft. Die schriftlichen Prüfungsarbeiten wurden auf anonymen Formblättern geschrieben und von zentralen Fachlehrerkommissionen zensiert. Im Oktober 1951 fand eine solche zentrale Abiturprüfung letztmals statt.

Für den Wiederbeginn des Unterrichts waren am 2. September 1945 provisorisch in einigen Anweisungen die Gegenstände gekennzeichnet worden, die nun unterrichtet werden sollten und konnten. Es handelt sich dabei in etwa um den realgymnasialen Zweig, wie aus der handschriftlichen Kennzeichnung ersichtlich ist, aber bezeichnenderweise mit radikaler Kürzung der vier mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer auf insgesamt nur 4 Wochenstunden durch alle Klassenstufen. Die Franzosen beabsichtigten also offensichtlich, die Schultypen vor der NS-Schulreform von 1938 wieder zuzulassen bzw. einzuführen. In den Schulunterlagen finden sich aber unter jenem Datum auch Stundentafeln für andere Zweige, u.a. auch für den der alten Oberrealschule. Man unterrichtete offensichtlich nach einem Mischsystem zwischen den französischen Anweisungen und der alten Schultradition. Die französischen Schulplanungen stehen wohl im Zusammenhang mit den oben erwähnten Bestrebungen einer Angleichung an die Verhältnisse im Mutterland. Das Ministerium scheint dem Wunsch der Schule gar nicht so abgeneigt gewesen zu sein, wie die bereits am 12. April 1950 auf neuen Antrag erfolgte Genehmigung des zusätzlichen Zweiges beweist. Nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland hatte sich nämlich das Verhalten der französischen Behörden völlig verändert: Die deutschen Behördenvertreter wurden nicht mehr zur Entgegennahme von Anweisungen zu ihnen zitiert, sondern die französischen Vertreter verhandelten auf kollegialer Basis im Kultusministerium.

Im Jahr 1946 gab es ausnahmsweise zwei Versetzungen, um die kriegsbedingten Einbußen auszugleichen, eine an Ostern und die zweite im Herbst.

An dieser Stelle eine kurze Erklärung der Klassenbezeichnungen, die sich ja im Laufe der Jahrzehnte mehrfach änderten: Im Jahre 1868 wurde nach preußischem Vorbild von den jüngeren zu den älteren Klassen aufsteigend die folgende Bezeichnung eingeführt: Sexta, Quinta, Quarta, Tertia, Untersecunda, Obersecunda, Unterprima, Oberprima. An den lateinischen Ordnungszahlen erkennt man, daß hier ursprünglich ein sechsjähriges Schulsystem zu Grunde lag. 1875 wurden die Gymnasien durch Teilung in der Unter – und Obertertia achtklassig. Die abgekürzten Bezeichnungen lauteten im damaligen Hessen jetzt: VI, V, IV, IIIb, IIIa, IIb, IIa, Ib, Ia. Sie blieben in dieser Form, abgesehen von der 38er NS-Reform mit nur acht Gymnasialschuljahren, bis nach dem 2. Weltkrieg üblich. Ebenso hielt man in den Pfälzer Gymnasien an der alten Zählung von Klasse 1 bis 9 fest und in den ehemals preußischen Landesteilen an VI, V, IV, UIII, OIII, UII, OII, UI und OI. Einige Jahre lang existierten die drei traditionellen Bezeichnungsformen nebeneinander, bis die allmähliche Integration der drei Landesteile zum neuen Land Rheinland-Pfalz soweit fortgeschritten war, dass dann in der Mitte der 60er Jahre die heute üblichen Bezeichnungen der Klassen 1 bis 13 aufgrund eines Abkommens der Kultusministerkonferenz bundeseinheitlich eingeführt werden konnte.

Was die Entwicklung der Schülerzahlen betrifft, so begann die Oberschule für Jungen am 1. Oktober 1945 mit 700 Schülern. Im Juni 1946 waren es schon 900 in 24 Klassen; hinzu kamen die Schülerinnen der Frauenlob-Schule, die ja auch noch einige Zeit in dem Schulgebäude unterrichtet wurden. Die Schülerzahl pendelte bis Ende 1949 um diesen Wert.

Die ersten Neuaufnahmen in die unterste Klasse (sie hieß bis 1949 “Selecta” im Sinne von “Orientierungsklasse”) erfolgten im Herbst 1946. Die Zahl war steigend, bedingt durch die Rückkehr der evakuierten Mainzer und durch die Wiederherstellung von Wohnungen sowie durch die Verbesserung der Verkehrsverhältnisse im Umland. Im Schuljahr 1948/49 waren es z.B. 140 Neuaufnahmen, im folgenden Schuljahr 1949/50 173, 1951 bereits 240. Hinsichtlich der konfessionellen Verteilung überwogen etwas die Katholiken (im März 1947 z.B.: 550 Katholiken, 401 Evangelische, 33 Andersgläubige), eine Situation, die insgesamt charakteristisch für diese Schule ist. Auch der relativ hohe Anteil von auswärtigen Schülern, vor allem aus den rechtsrheinischen Vororten, ist eine gleichbleibende Größe. (Im März 1947 waren es z.B. 595 Schüler, die von auswärts kamen).

Die Zeit des Aufbaus und der Konsolidierung wurde von Oberstudiendirektor Rudolf Dumont gestaltet, der die Schule von 1946 bis 1952 leitete.

2. Weichenstellungen für eine zeitgerechte Schule (1950-1960)

Die folgenden 50er Jahre waren entscheidend, wurden hier doch Weichenstellungen vorgenommen, die die Grundlage für die heute vorhandene Situation schufen. Nach Einrichtung der Bundesrepublik Deutschland als souveräner Staat entfiel die Weisungsbefugnis der Militärbehörden und die Bundesländer konnten daran gehen, das Schulwesen auf der Grundlage einer freiheitlich-demokratischen Verfassung zukunftsweisend neu zu ordnen. Diese Neuordnung geschah in Fortsetzung der Bestrebungen der Weimarer Republik (vor allem der Richertschen Reformen in Preußen), unter dem massiven Eindruck des totalitärem 3. Reiches und unter Berücksichtigung der Forderungen eines mit Macht aufstrebenden Industriestaates. Vor allem die Wirtschaft brauchte zahlreiche und gut ausgebildete Fachkräfte.

Das Bildungswesen expandierte. Gymnasien, und nicht nur sie, wurden in beträchtlicher Anzahl neu gegründet. Besonders das Begabungsreservoir der ländlichen Gebiete sollte damit erschlossen werden. Auch in Rheinland-Pfalz nahm die Zahl der Gymnasien zu, mehr aber noch die Zahl der Schüler in den bereits vorhandenen Gymnasien. Alle zum Abitur führenden Schulen erhielten die Bezeichnung “Gymnasium” und wurden nach Typen differenziert: altsprachlich (humanistisch), neusprachlich und naturwissenschaftlich mit dem entsprechenden Schwerpunktangebot der Fächer (Erlass des Kultusministeriums vom 28.2.1950). Die bisherige Oberstufe für Jungen in der Greiffenklaustraße war von ihrer Größe her in der Lage, zwei Schultypen einzuführen. Die damit notwendige Namensänderung wurde zum Anlass genommen, um die 1945 provisorisch gewählte Bezeichnung in eine endgültige umzuwandeln. Im April 1950 richtete die Schulleitung deshalb das folgende Schreiben an das Ministerium für Unterricht und Kultus: “Durch die Einführung der neuen Schultypen, die alle von jetzt an die Bezeichnung Gymnasium führen sollen, ist auch eine Namensänderung unserer Schule notwendig geworden. – Da der seitherige Name ‘Oberschule in der Greiffenklausstraße’, der unserer Schule im Jahre 1945 gegeben worden war, nur als Notbehelf galt und die endgültige Namensgebung einer späteren Zeit vorbehalten werden sollte, wollen wir die Gelegenheit der notwendig gewordenen Änderung ergreifen, dies zu verwirklichen. – Der Gesamtlehrerrat hat nun in Übereinstimmung mit dem Elternbeirat den Beschluss gefaßt, den Herrn Minister für Unterricht und Kultus zu bitten, damit einverstanden sein zu wollen, daß unsere Schule künftighin den Namen: ‘Gymnasium am Kurfürstlichen Schloß’ führen darf. – Damit würde der Name unserer Schule den Charakter der Zufälligkeit verlieren und sich an den Namen eines geschichtlich und kulturell bedeutsamen Bauwerks unserer Vaterstadt anlehnen.” Diesem Begehren wurde mit Schreiben vom 28. April stattgegeben, nachdem zwei Wochen davor, am 12. April, die Genehmigung für das Angebot zweier Schultypen erteilt worden war. Zur Charakterisierung dieser beiden Typen heißt es in einer Mitteilung der Schule an die Eltern: “Ab Ostern 1950 werden an unserer Schule zwei Typen (Neusprachliches und Naturwissenschaftliches Gymnasium) eingeführt. Im Neusprachlichen Gymnasium werden Latein, Französisch und Englisch stärker betont, wodurch die Stundenzahl in Mathematik und den Naturwissenschaften vermindert werden muß. Im Naturwissenschaftlichen Gymnasium werden Mathematik und die Naturwissenschaften in der Stundenzahl stärker berücksichtigt als die Sprachen, und es muß die Wahl zwischen Latein oder Englisch getroffen werden” Französisch war in beiden Typen nach wie vor erste Fremdsprache, im neusprachlichen Zweig folgte ab Quarta Englisch und ab Obertertia Latein, im naturwissenschaftlichen Zweig wurden nur zwei Fremdsprachen unterrichtet. Mit Beginn der Quarta musste die geplante Wahl zwischen Latein und Englisch getroffen werden. Der Zweig mit der Sprachenfolge Französisch-Latein nannte sich dann “naturwissenschaftlich (I)”, der mit der Sprachenfolge Französisch-Englisch “naturwissenschaftlich (II)”. Ein Wechsel zwischen neusprachlichem und naturwissenschaftlichem Typ war noch einmal mit Beginn der Untertertia möglich.

Als Oberstudiendirektor Dumont am 15. Juli 1952 vom damaligen Kultusminister Dr. Finck im Kurfürstlichen Schloß verabschiedet wurde, – eine nicht alltägliche Geste -, konnte er auf eine Zeit mühevollen Aufbaus zurückblicken, die ihren Lohn in einer sich günstig abzeichnenden Entwicklung trug. Als Nachfolger wurde am 4. September 1952 Oberstudiendirektor Georg Schmidt in sein Amt eingeführt.

In den Jahren, in denen er die Schule leitete, unterstützt von Oberstudienrat Josef Bender, kletterte die Schülerzahl über die 1000er Grenze und hatte 1956 1330 erreicht, so dass eine langfristige Lösung gefunden werden musste. Eingedenk dessen, dass es sich ja regulär immer noch um eine Doppelanstalt handelte, fasste man eine Teilung der sehr großen Schule ins Auge. Dies geschah dann auch durch Organisationserlass des Kultusministeriums vom 27. März 1956, und zwar in der Weise, dass mit Wirkung vom 1.April 1956 17 Klassen (14 Klassen bis Untersekunda und 3 Klassen des neusprachlichen Zweigs der Oberstufe) abgetrennt wurden. Diese Klassen wurden unter der Bezeichnung “Staatliches Gutenberg-Gymnasium (neusprachlich und naturwissenschaftlich)” zusammengefasst. Bei dieser Namensgebung spielte einmal die Tatsache eine Rolle, dass noch keine Schule den Namen des wohl größten Mainzer Bürgers trug, der Name also noch frei war. Darüber hinaus aber sollte wohl auch die Tradition der alten Oberrealschule, die 1945 als Gutenbergschule mit dem damaligen Realgymnasium verschmolzen war, fortgeführt werden. Dass dies zumindest der zweite Direktor des neuen Gutenberg-Gymnasiums, Richard Oftring, so sah, belegt ein Übergabeprotokoll von Schulakten der ehemaligen Oberrealschule an die neue Schule. Diese Teilung rief im Lehrerkollegium erhebliche Proteste hervor, befürchtete man doch einen reinen Verwaltungsakt, der das eigentliche Übel – die hoffnungslose Überfüllung des Gebäudes – eher zu verschleiern als zu beseitigen geeignet schien. Der Protest half nichts, die Teilung wurde in der geplanten Weise durchgeführt, jedoch nur für eine Übergangszeit von vier Jahren: Im Sommer 1960 verließ das Gutenberg-Gymnasium das Schulgebäude am Kurfürstlichen Schloss und bezog ein neu errichtetes Gebäude an der Philippschanze.

1956 verließ dagegen eine andere Institution, die seit 1951 zu Gast war, das Gebäude: das private Abendgymnasium der Diözese Mainz. Es zog in dem genannten Jahr in das Willigisgymnasium um, bis es dann später als Ketteler-Kolleg ein eigenes Gebäude beziehen konnte.

Die Jahre von 1956 bis zum Auszug des Gutenberg-Gymnasiums 1960 waren für Schüler wie Lehrer äußerst mühsam. Schon seit 1949 konnte jedes Jahr einigen Klassen (manchmal waren es sechs bis sieben) kein eigener Klassenraum zugewiesen werden, sie mußten als “Wanderklassen” im Haus umherziehen und die Räume benutzen, die wegen Fachunterrichts gerade frei waren. Die Raumnot wurde vergrößert durch die nun langsam ansteigende Zahl von Anmeldungen in der Sexta. Hatte die Schule im Schuljahr 1947/48 noch drei Sexten (allerdings zu je 42 Schülern), so mußte im Schuljahr 1951/52 bereits eine fünfte Sexta eingerichtet werden. Verantwortlich dafür war einmal die Verlegung der Landesregierung nach Mainz, die zahlreiche Beamte zum Umzug veranlaßte, zum anderen aber auch die Umsiedlung der Glaswerke Schott nach Mainz in diesen Jahren. In den folgenden Jahren ist der Grund in einem allgemeinen Zuzug der Bevölkerung zu sehen, ab Anfang der 60er Jahre dann in den Auswirkungen der intensiv betriebenen Bildungswerbung. Zum Schuljahr 1954/55 mußte eine sechste Sexta eingerichtet werden.

Die schulischen Aktivitäten außerhalb des Unterrichts hielten sich verständlicherweise in einem bescheidenen Rahmen. Ein gelegentlicher Filmbesuch, die Vorführung eines lebenden Tieres, auch mal eine Theateraufführung (herausragend die Aufführung der “Braut von Messina” zum Abschluß des Schiller-Jahres 1955 im Großen Saal des Kurfürstlichen Schlosses) oder die Aufführung einer Jugendoper (November 1953), damit erschöpft sich das schulische Leben schon fast. Zu erwähnen noch die Vorträge, die Generalmusikdirektor Zwissler eigens für die Schule im Kurfürstlichen Schloß veranstaltete. Kontakte mit ausländischen Schulen kamen in diesen Jahren früher als an anderen Schulen in Gang. Im Juli 1953 z.B. war erstmals nach dem Kriege eine Schülergruppe aus Swindon/England bei Schülern des Gymnasiums zu Gast. Eine weitere Initiative, die für die Schule charakteristisch war und ist, bestand in der Gründung eines Schullandheim-Vereins.

Die 50er Jahre sind vor allem eine Zeit, in der man sich Gedanken über einen zukunftsweisenden Neuaufbau des deutschen Schulwesens machte. Es galt, eine Erziehung zur Demokratie und eine zeitgemäße Ausbildung für die Bedürfnisse einer modernen Industriegesellschaft zu sichern. Im ersten Fall konnte man an Vorüberlegungen aus der Weimarer Zeit anknüpfen, im zweiten Fall sah man sich zu Neuüberlegungen gezwungen, die vor allem den Fächerkanon und später auch die Lehrerverfahren betraf. Aus der Sorge, die Jugend könnte durch die bisherigen Inhalte und Formen der Schule allein nicht wirksam genug zu politischer Einsicht und demokratischer Haltung hingeführt werden, entsprang im Jahre 1952 der Entschluss, “Politische Gemeinschaftskunde” als Unterrichtsprinzip in allen dazu geeigneten Fächern und als besonderes Fach in den höheren Klassen einzuführen. Ziel dieser Maßnahme war, dem Schüler eine gediegene Grundlage zu einer sozialen Lebenshaltung und zu einem positiven Verhältnis zum Staat zu vermitteln. Um diese Außerachtlassung als Prinzip von Demokratie auch im täglichen Erfahrungsbereich der Schule wirksam werden zu lassen und damit als Verhaltensweise einzuüben, wurden Mitsprachegremien in der Schule geschaffen. Schon im Januar 1949 waren Elternbeiräte eingerichtet worden, ab Anfang des Jahres 1953 begann man mit konkreten Überlegungen. Wie man auch auf der Ebene der Schüler eine Demokratisierung der übernommenen Strukturen durch Partiziapation verwirklichen könnte. Ergebnis war die Errichtung einer “Schülermitverwaltung” (SMV) an allen Schulen, die einige Jahre später in sachgerechter Weise in “Schülermitverantwortung” umbenannt wurde.

Im Sinne eines zeitgemäßen Unterrichts unterzog man auch den Fächerkanon einer Prüfung. Als eine der ersten Maßnahmen ergänzte man ihn durch Rechtskunde. Seit 1950 wurden in mehrstündigen Vortragsreihen die Primen mit einigen Aspekten des Rechtswesens vertraut gemacht. Die Vorträge werden von Juristen der Mainzer Gerichte gehalten.

Die höhere Schule kam in den 50er Jahren zunehmend mit der Universität ins Gespräch. Es ging vor allem um die Zusammenarbeit in Ausbildung und Fortbildung der Lehrer und hinsichtlich der Schüler um die Information über Studienwahl und Studienfächer. So fand z.B. im Oktober 1952 eine “Woche des Berufs” statt, die durch einen Vortrag von Professor Holzamer über “Wesen und Bedeutung des akademischen Berufes” eingeleitet wurde. Im Mai 1953 fand ein Gespräch zwischen Professoren und Lehrern statt zu dem Thema: “Was haben sich Höhere Schule und Universität gegenseitig zu geben?” Die berufsvorbereitenden Informationsveranstaltungen werden heute auch auf die nichtakademischen Berufe ausgedehnt und vom Arbeitsamt durchgeführt.

Im Jahre 1951 hatten Vertreter der Universität und der höheren Schule auf einer gemeinsamen Tagung in Tübingen sich mit dem drängenden Problem der Stoffüberfülle befasst und in den sog. Tübinger Beschlüssen die Forderung erhoben, durch Beschränkung der Fächerzahl und des Unterrichtsstoffes eine Vertiefung der Bildung zu ermöglichen.

Das Ministerium für Unterricht und Kultus hat sich schon früh dieses Problems angenommen, wie die Revision der Reifeprüfungsordnung 1952 zeigt. In dem Erlaß vom 27. Oktober heißt es: “Nach den vorliegenden Erfahrungsberichten der Schulen über die letzte Reifeprüfung besteht noch immer die Gefahr, daß die Schüler angesichts der Vielzahl der möglichen Prüfungsfächer glauben, ohne das ‘Pauken’ nicht auskommen zu können. Eine derartige Arbeitsweise widerspricht dem Sinn und Geist der Reifeprüfung.” Mit der Einführung neuer Stundentafeln im September 1953 wurde eine maßvolle, auf die Oberprima beschränkte Auflockerung auf der Oberstufe durchgeführt. “Die Klasse, die zur Reifeprüfung vorbereitet”, so hieß es in dem einführenden Erlaß, “sollte mehr denn je zur geistigen Selbständigkeit, zur Erfassung des Werthaften und damit zu geistig-sittlichen Entscheidungen führen. Das ist nur möglich, wenn die Gegenstände des Unterrichts beschränkt werden und Zeit zur Erarbeitung dieser Gegenstände zur Verfügung steht.”. Die Gesamtpflichtstundenzahl wurde gekürzt, so daß Raum für zusätzliche Arbeit nach eigener Entscheidung des Schülers in der freieren Form der Arbeitsgemeinschaft gewonnen wurde.

Die Fächerverminderung fand ihre Ergänzung durch eine Neubearbeitung der Lehrpläne unter dem Gesichtspunkt der Stoffbeschränkung. Nach Überprüfung der Stoffgebiete wurde in diesen Ostern 1954 eingeführten Plänen zwischen Pflicht- und Wahlstoffen unterschieden mit dem Ziele, eine vertiefte geistige Auseinandersetzung mit dem Lehrstoff zu ermöglichen und dadurch die Jugend zu klarem Denken und selbständigem Denken zu erziehen.

In der pädagogischen Diskussion der folgenden Jahre wurde als ein geeignetes Prinzip zur Bewältigung der Stofffülle immer nachdrücklicher ein Verfahren empfohlen, das darauf abzielt, die mehrflächenhafte Darbietung des Stoffes in der üblichen systematischen oder chronologischen Abfolge zu ersetzen oder wenigstens zu ergänzen durch gründliche und verweilende Behandlung exemplarischer Erscheinungen. Man setzte, und setzt heute wieder, ganz entschieden auf dieses exemplarische Prinzip, als aufgrund der fortschreitenden pädagogischen Diskussion u.a. bei den sog. Tutzinger Gesprächen 1958 – 1960 (in Weiterführung der oben angeführten Tübinger Beschlüsse) eine Neubearbeitung der Lehrpläne erforderlich wurde. Die verbindlichen Stoffe wurden noch stärker beschnitten, Anregungen für die Behandlung zusätzlicher Stoffe ausdrücklich von ihnen abgehoben. Die Lehrpläne erschienen, nachdem 1959 neue Stundentafeln eingeführt worden waren, 1960.

Eine weitere wichtige Veränderung in diesen Jahren betraf die Sprachenfolge. Die neuen Stundentafeln wurden nämlich auch auf Grund des Düsseldorfer Abkommens vom 17. Februar 1955 erforderlich, in dem die Länder der Bundesrepublik Deutschland eine Vereinbarung geschlossen hatten, die einen Rahmen für die Vereinheitlichung des Schulwesens schaffen sollte. So wurden ein einheitlicher Schuljahresbeginn (1 . April), eine Sommerferien-Regelung, eine gemeinsame Bezeichnung für die Schularten (§ 4: Alle Schulen, die zur allgemeinen Hochschulreife führen, tragen die Gruppenbezeichnung “Gymnasium”) und Regelungen über die gegenseitige Anerkennung von Prüfungen vereinbart. Kern des Abkommens aber war die Festlegung des Gymnasiums auf eine bestimmte Anzahl von Typen, die durch eine bestimmte Sprachenfolge gekennzeichnet waren. An allen nichtaltsprachlichen Gymnasien, d.h. an allen neusprachlichen und mathematisch-naturwissenschaftlichen Gymnasien sollte Englisch erste Fremdsprache sein und ab Sexta gelehrt werden. Diese Regelung hatte zum Ziel, die Durchlässigkeit beim Übergang von Schülern zu und von der Realschule zu verbessern. Als zweite Fremdsprache waren ab Quarta Latein oder Französisch verbindlich. Die Festlegung der zweite Fremdsprache, bei der das Land freie Hand hatte, war lange ungeklärt. Die Tradition der ehemals französischen Zone und der französischen Besatzungszeit nach dem 1. Weltkrieg wirkte hier stark nach. Zum Schuljahresbeginn 1959/60 schließlich war auch diese Frage entschieden. Als Sprachenfolge wurde für das Land angeordnet: im neusprachlichen Gymnasium Englisch (ab Sexta) – Latein (ab Quarta) – Französisch (ab Obertertia); im mathematisch-naturwissenschaftlichen Gymnasium Englisch (ab Sexta) – Latein (ab Quarta). Das Schloßgymnasium erhielt die Ausnahmegenehmiung, im letzten Fall Latein durch Französisch zu ersetzen, so daß hier eine Tradition weitergeführt werden konnte.

Der Weg, der Stofffülle im Gymnasium mit Hilfe des exemplarischen Prinzips Herr zu werden, wurde fortgesetzt. Einen weiteren wichtigen Einschnitt in der Entwicklung des Bildungswesens brachte die Saarbrücker Rahmenvereinbarung der Kultusminister vom September 1960, die in der Folge eine Neubarbeitung der Zeugnis- und Versetzungsordnung, der Reifeprüfungsordnung und vor allen Dingen der Lehrpläne erforderlich machte. In einer Reduktion der Anforderungen durch das Wahlprinzip besonders in den letzten beiden Klassen will sie stärkere Schwerpunktsetzungen ermöglichen. In der Mittelstufe findet dadurch, daß die bisher obligatorische dritte Fremdsprache im Neusprachlichen Gymnasium ab Obertertia nun fakultativ gemacht wird, praktisch eine Verengung des neusprachlichen Zweigs statt. Um dabei weder Latein noch Französisch einseitig zu benachteiligen, wurde gleichzeitig die genannte Wahlmöglichkeit in Klasse 7 eingeführt. Die damit angedeutete Tendenz zur nachfolgenden Enttypisierung des Gymnasiums wurde in Rheinland-Pfalz aufgenommen und schuf damit gute Voraussetzungen für die spätere Reform der Oberstufe. Die Stuttgarter Empfehlungen schufen 1961 die didaktische und methodische Ergänzung für die neue Arbeitsweise in der Oberstufe. Die durch diese beiden Vereinbarungen anvisierten Neuerungen haben ein Jahrzehnt der Reformen zumindest für das Gymnasium, besonders seine Oberstufe, nach sich gezogen.

Schule im Wandel (1959 - 1975)

Von Hans-Georg Fernis

Als ich im April 1959 die Leitung des Gymnasiums am Kurfürstlichen Schloss übernahm, teilte dieses das Schulgebäude noch mit dem 1956 gegründeten Gutenberg-Gymnasium. Beide Schulen zusammen hatten über 1200 Schüler, viel mehr, als das ursprünglich für etwa 500 Schüler angelegte, 1914 erbaute Schulhaus vertragen konnte. Der letzte Winkel, auch im Keller, war ausgenutzt, Wanderklassen waren ständig unterwegs, der Schulhof war viel zu klein. Kurzum, die “Zustände” waren so, dass sie in der Zeitung Schlagzeilen machten. Das änderte sich erst, als das Gutenberg-Gymnasium im August 1960 sein neuerbautes Schulgebäude bezog. Wir blieben mit rund 700 Schülern in dem alten, völlig verwohnten und heruntergewirtschafteten Schulhaus zurück. Die erste Aufgabe war es also, für eine gründliche Instandsetzung zu sorgen. Diese zog sich über Jahre hin, da die Gelder bei weitem nicht so ausreichend flossen, wie es nötig gewesen wäre.

Die Schülerzahl stieg während meiner Amtszeit stetig, erst langsam, dann infolge der forcierten Bildungswerbung (Stichworte: “Chancengleichheit”, “mehr Abiturienten”) rascher. 1962 hatten wir 724 Schüler in 28 Klassen, 1969 867 Schüler in 30 Klassen, 1974 953 Schüler in 32 Klassen. Wie man den Zahlen entnehmen kann, stieg die Zahl der Klassen nicht im gleichen Verhältnis wie die Schülerzahl, so dass die Klassenfrequenz größer wurde. Wegen der geltenden Bestimmungen und wegen Raum- und Lehrermangels waren wir gezwungen, die vorgeschriebenen Höchstzahlen pro Klasse (44 in der Unter-, 40 in der Mittel- und 25 in der Oberstufe) meist voll auszunutzen. Die Klassenräume reichten dafür oft kaum aus, viele Klassen saßen in drangvoller Enge. Es lag auf der Hand, daß das pädagogisch höchst nachteilig war. An die Konzentrationsfähigkeit, Selbstbeherrschung und Geduld der Lehrer stellten diese Zustände große Anforderungen. Wir waren uns klar über diese Nachteile für Schüler und Lehrer, konnten sie aber trotz aller Bemühungen nicht beheben.

Die Zahl der Lehrer wuchs während meiner Amtszeit von 33 auf 47; dazu kamen zwei ausländische Assistenten und eine wechselnde Zahl von Studienreferendaren und Hilfskräften. Das waren nebenamtliche oder nebenberufliche Lehrkräfte (Pensionäre, Hausfrauen, die aus dem Schuldienst ausgeschieden waren, Doktoranden, ältere Studenten). Zuletzt hatten wir deren elf, die 76 Wochenstunden Unterricht (durchweg in der Unter- und Mittelstufe) erteilten. Die Schule musste sie selbst ausfindig machen und einstellen.

Die räumlich und personell konsolidierten Verhältnisse kamen nicht nur einem geregelten und reibungslosen Unterricht zugute, sondern erlaubten es auch, eine Reihe von Aktivitäten zu entfalten, die der Belebung und Festigung der Schulgemeinschaft dienten. Die Schullandheimarbeit nahm einen beträchtlichen Aufschwung, als das Heim von der recht bescheidenen Bongesmühle im hessischen Aartal nach Winterburg im Hunsrück verlegt werden konnte.

Kontakte mit dem Ausland förderten unsere Partnerschaften mit Schulen in Mainzer Partnerstädten, nämlich dem Lycée Carnot in Dijon und der Watford Boys’ Grammar School. Da gab es Brieffreundschaften und gegenseitige Schülerbesuche.

Monatelanger Vorbereitungen bedurften auch die Fastnachtssitzungen, mit denen unsere Schule dem genius loci huldigte. Die erste Sitzung fand 1962 statt, weitere fünf folgten bis 1968.

Bevor es jedoch zu diesem Wandel kam, hatte sich bereits eine Reihe von Veränderungen im Gefüge unserer Schule vollzogen, die von der Bildungspolitik ausgingen. Als bloße Äußerlichkeit mochte es erscheinen, dass aufgrund des Hamburger Abkommens der Kultusminister von 1964 die Klassenbezeichnungen Sexta bis Oberprima durch die Bezeichnungen 5. bis 13. Klasse ersetzt wurden. Der Sinn der Änderung war, die Gymnasien in dieser Hinsicht den anderen Schule anzugleichen. Der immer drückender werdende Lehrermangel führte 1961 zur Einrichtung von Besonderen Oberstufenklassen an einigen Gymnasien des Landes, darunter am Gymnasium am Kurfürstlichen Schloß. In diese Klassen konnten Jungen und Mädchen nach Absolvierung der Realschule eintreten und am Ende der 13. Klasse eine fachgebundene Hochschulreife erlangen. Diese berechtigte zum Studium an der Pädagogischen Hochschule. An die Stelle der Besonderen Oberstufenklassen trat mit Beginn des Schuljahrs 1966/67 der Musische Gymnasialzweig, in dem der Schwerpunkt auf den Fächern Deutsch, Geschichte, Musik und Bildende Kunst lag. In ihn konnten außer Realschulabsolventen auch Schüler aus den Gymnasien (nach der 10. Klasse) aufgenommen werden.

Als die Neuordnung der Lehrerbildung für das Studium für alle Lehrämter die allgemeine Hochschulreife vorschrieb, wurde der Musische Schultyp abgebaut. Vom Schuljahr 1960/70 wurde er ersetzt durch den Aufbauzug für Realschulabsolventen. Dieser war für besonders befähigte Realschüler bestimmt und führte sie zur allgemeinen Hochschulreife. Deshalb war der Ausbildungsgang an die Anforderungen der Gymnasialzweige angeglichen. Nach der 11. Klasse, in der die Unterrichtsfächer für alle Schüler gleich waren, trat in den Klassen 12 und 13 eine Differenzierung nach sprachlichem und mathematisch-naturwissenschaftlichem Schwerpunkt ein. Wir haben mit den Schülern aller dieser Sonderzweige im allgemeinen gute Erfahrungen gemacht. Zwar dauerte es jeweils einige Zeit, bis sie sich in die spezifische Arbeitsweise des Gymnasiums hineinfanden, doch brachten sie viel guten Willen mit und ersetzten durch Lernbereitschaft das, was ihnen bisweilen an Grundlagenkenntnissen fehlte. Es gelang, fast alle zum Bestehen der Reifeprüfung zu führen.

Hatte man bei Beginn dieser Maßnahmen die Gewinnung von Lehrern im Auge gehabt, so lautete die Parole schon bald und bundesweit “mehr Abiturienten!”. Georg Pichts Kassandraruf von der deutschen Bildungskatastrophe alarmierte die Öffentlichkeit und scheuchte die Bildungspolitiker auf. Die Reformlawine, die auf die Schulen zu rollte und mit der Proklamierung der Priorität der Bildungspolitik im Jahre 1969 ihren stärksten Ausdruck fand, erschütterte besonders die Gymnasien. Sie wirkte sich auch auf unsere Schule aus. Der Anstieg der Schülerzahl – an unserem Gymnasium durch steigenden Zustrom aus der hessischen Nachbarschaft (“Gesamtschulflüchtlinge”) zusätzlich verstärkt – führte zu einer Veränderung der sozialen Struktur. Von “Standesschule” konnte keine Rede mehr sein. Gegen Ende meiner Amtszeit kamen etwa 27% unserer Schüler aus der sozialen Unterschicht, 60% aus der Mittelschicht und nur rund 13% aus der Oberschicht. Selbst wenn diese Angaben nicht ganz exakt sein sollten, so lassen sie doch zumindest den Trend erkennen. Die Veränderungen in der Zusammensetzung der Schülerschaft machten es erforderlich, den Zugang zum Gymnasium auch hinsichtlich der Kosten zu erleichtern. Nachdem schon 1962 die Schulgeldfreiheit eingeführt worden war, gab es nun für Kinder aus einkommensschwachen Familien Erziehungsbeihilfen sowie Zuschüsse für den Kauf von Lernmitteln und für Fahrtkosten zur Schule. Diese Förderungsmaßnahmen belasteten die Schule mit einem hohen Verwaltungsaufwand. Erwähnt werden muß auch die Schülerhilfsbücherei, aus der bedürftige Schüler unentgeltlich Lehrbücher entleihen konnten. Überdies hielt sie Klassensätze von Lektüreheften, Quellenbüchern, Atlanten und dergleichen bereit.

Eine erhebliche Belastung nicht nur der Schulverwaltung, sondern auch der Lehrer und Schüler ergab sich aus der gemäß dem Hamburger Abkommen der Kultusministerkonferenz (1964) vorgenommenen Verlegung des Schuljahrsbeginns vom Oster- auf den Sommertermin. Die Umstellung wurde durch die Einrichtung von zwei Kurzschuljahren (April bis November 1966, Dezember bis Sommer 1967) bewerkstelligt. Wenn auch die Stoffpläne durch eine Übergangsregelung beschnitten wurden, so war doch für diese Zeit eine unerfreuliche Hektik unvermeidbar. Die Versetzungstermine drängten sich, und wir hielten Reifeprüfungen im März und schon wieder im Herbst 1966 ab. Allerdings wurde damit erreicht, daß mit einem Schlage mehr Abiturienten die Universität bezogen, als das sonst der Fall gewesen wäre.

Die Bildungswerbung (z.B. “Woche des Gymnasiums” 1967) brachte zwar mehr Schüler auf die Gymnasien, konnte aber nicht auch mehr begabte Schüler aufspüren. Die Vorstellung von den zahlreichen brachliegenden “Bildungsreserven”, die man “mobilisieren” könne, ein sich weitgehend als Illusion. Dieser Sachverhalt wurde allerdings dadurch verschleiert, dass man durch eine Reihe von Einzelmaßnahmen das Leistungsniveau senkte: Einrichtung einer Eingangsstufe, in der die Versetzungsentscheidung von Klasse 5 nach Klasse 6 fortfiel (ab Schuljahr 1966/67), Neufassung der Zeugnis- und Versetzungsordnung und der Reifeprüfungsordnung (1967), Neudefinition der Notenstufen (1969) … Typisch war, dass von 1967 ab in den Zeugnissen der Klassen 11 bis 13 sowie in allen Abgangsszeugnissen auf die Bewertung von Betragen und Mitarbeit verzichtet wurde.

Reformiert werden sollten auch Methoden und Inhalte des Unterrichts. Um ihn abwechslungsreicher zu gestalten, wurde der Einsatz audiovisueller Hilfsmittel verstärkt: Diaprojektor, Tageslichtprojektor, Filmvorführungsgerät, Schallplattenspieler, Tonbandgerät. Die Anschaffung dieser Geräte in der benötigten Anzahl konnte nur nach und nach erfolgen; ihre Instandhaltung und die Beschaffung der dazugehörigen Diaserien, Unterrichtsfilme, Schallplatten und Tonbänder belasteten unseren Etat zusätzlich. Als eine der ersten Schulen des Landes erhielt unser Gymnasium ein Sprachlabor, für das im 3. Stock ein Raum ausgebaut wurde. Herr Urban übernahm seine Betreuung und opferte dafür viel Zeit. Da die technisch hochwertige Anlage sehr empfindlich und reparaturanfällig war, verursachte die Erhaltung laufend beträchtliche Kosten. Leider erlaubten die Raumverhältnisse nur 36 Schülerplätze; das waren für unsere Unter- und manchmal auch die Mittelstufenklassen zu wenig. Der Wert des Sprachlabors für den Fremdsprachenunterricht wurde von den Fachlehrern unterschiedlich beurteilt. Manche benutzten es gern, andere konnten sich nicht damit befreunden.

Der Unterricht erfuhr während meiner Amtszeit mannigfache Wandlungen. Nach und nach tauchten neue Fächer und Stoffgebiete auf: Sozialkunde, Mengenlehre in der Mathematik, Werken, Verkehrs-, Rechts- und Sexualkundeunterricht, Ethik. Die Saarbrücker Rahmenvereinbarung (1960) wollte andererseits die Zahl der Fächer in der Oberstufe vermindern und die Konzentration des Unterrichts sowie seine Vertiefung ermöglichen. Die Stuttgarter Empfehlungen (1961) ergänzten diese Vereinbarung durch Hinweise auf die didaktische und methodische Gestaltung der Oberstufe, der nun die Aufgabe zugewiesen wurde, die Schüler “propädeutisch in wissenschaftliche Arbeitsweisen einzuführen”. Es begannen mancherlei Versuche und Experimente im Sinne dieser Forderungen. Seit 1962 unternahm Herr Freckmann Unterrichtsversuche im Fach Bildende Kunst; ab 1964 liefen Versuche zum neuen Fach Gemeinschaftskunde; ab Juni 1971 folgten Versuche in Religion und Philosophie. So sehr viel ist bei all dem letzten Endes nicht herausgekommen. Das lag einmal daran, dass die unerlässlichen äußeren Voraussetzungen für diese Umstellung in der Oberstufe nicht geschaffen wurden. Die Stuttgarter Empfehlungen hatten als solche ausdrücklich genannt: die Anschaffung der notwendigen Arbeitsmittel in ausreichender Zahl, die Einrichtung einer Arbeitsbücherei, die Senkung der Pflichtstundenzahl für Lehrer der Klassen 12 und 13, die Festlegung der Klassenfrequenz auf höchstens 20 Schüler. Verwirklicht wurde davon lediglich die Einrichtung einer Oberstufenbücherei, für die im Keller nur ein viel zu kleiner Raum zur Verfügung gestellt werden konnte. Sie wurde von Herrn Dorn betreut, aber nur wenig in Anspruch genommen.

Die erstrebte Verminderung der Zahl der Fächer beschränkte sich auf die Zusammenfassung der Fächer Geschichte, Erdkunde und Sozialkunde unter dem Sammelbegriff Gemeinschaftskunde. Um die Verschmelzung der Fächer zu einer Einheit hat man jahrelang gerungen. Schließlich blieb es – jedenfalls in unserem Lande – praktisch bei der Selbständigkeit der Fächer. Ein weiterer Grund für den geringen Erfolg des Versuchs, den Unterricht in der Oberstufe neu zu ordnen, lag darin, dass die Oberstufenschüler in den folgenden Jahren in eine Geistesverfassung gerieten, die solchen Vorhaben stracks zuwiderlief.

Vom Beginn des Schuljahres 1971/72 an galten neue Stundentafeln für die Sekundarstufe I. Sie sollten eine für Schüler der Hauptschule, der Realschule und des Gymnasiums verbindliche Grundbildung ermöglichen und darüber hinaus durch Bildung typischer Lernschwerpunkte eine Differenzierung erlauben. Die harmonisierten Stundenansätze sollten die “Durchlässigkeit” zwischen den Schularten fördern. Diese Neuerung machte eine Anpassung der Lehrpläne für die Sekundarstufe I erforderlich.

Zu den Reformen gehörten auch die Bemühungen um eine “Demokratisierung” der Schule. Eltern und Schüler erlangten stärkere Mitwirkungsmöglichkeiten. Im Schulbuchausschuß (seit 1970) entschieden sie gemeinsam mit Vertretern des Lehrerkollegiums über die Einführung von Lehrbüchern in den Klassen 5 bis 10. Paritätisch zusammengesetzt war auch der Schulausschuß, der im April 1971 an unserer Schule errichtet wurde und die Aufgabe hatte, das Zusammenwirken der Gruppen zu fördern und Anregungen für die Gestaltung der schulischen Arbeit zu geben. Er entfaltete wenig Aktivität. Auch die Schülermitverantwortung (SMV) verstand es kaum, ihre Möglichkeiten zu nutzen.

Beigetragen haben dazu die “Apo”-Jahre ab 1968, in denen die “außerparlamentarische Opposition” aktiv war und die Studenten- und Schülerrevolte. Die jungen Menschen wurden ideologisch indoktriniert und manipuliert, systematisch gegen Elternhaus und Schule aufgehetzt und zu permanenter und radikaler Kritik an allen Einrichtungen in Staat und Gesellschaft angehalten. Die unverdauten Schlagworte der Ideologen vernebelten die Köpfe und gingen auch an unseren Schülern nicht spurlos vorüber. Nicht bei allen, aber doch bei nicht wenigen Schülern machten sich Desinteresse an der Schule und eine Bereitschaft zu ständiger Opposition, die in einzelnen Fällen bis zur Obstruktion ging, bemerkbar. Die Leistungsbereitschaft ließ fast allgemein nach, Klagen über Leistungsdruck und Schulstress nahmen zu.

Alle diese Vorgänge haben auch uns Jahre hindurch viel Unruhe und manchen Ärger bereitet, obwohl es an unserer Schule nicht zu spektakulären Aktionen kam. Dennoch konnte es nicht ausbleiben, daß sich die häufigen Konfrontationen auch auf die Lehrer auswirkten. Enttäuschung und Resignation kamen auf, und manche freiwillige Initiative unterblieb. Schulfeiern konnten nicht mehr stattfinden, Chor und Orchester kamen zum Erliegen, Studienfahrten wurden seltener. Das Verhältnis zwischen manchen Klassen und ihren Lehrern war gespannt. Abschiedsfeiern für Abiturienten kamen mehrere Jahre hindurch nicht zustande, was auch vor den Eltern bedauert wurde. Die Klassen zogen es vor, sich ihre Reifezeugnisse sang- und klanglos vom Klassenleiter aushändigen zu lassen oder sie sogar einzeln im Sekretariat abzuholen.

Gemeinsam neue Wege suchen (1975 - 1979)

Von Hans-Peter Gorschlüter

Meinem geschätzten Vorgänger kann ich nur voll zustimmen, wenn er am Ende seines Beitrags feststellt: Er konnte in der Überzeugung scheiden, seinem Nachfolger “eine geordnete und funktionsfähige Schule zu hinterlassen.” Mir ist immer bewußt gewesen, in welchem Maße die “Funktionsfähigkeit” des sozialen Systems Schule auch notwendige Voraussetzungen für eine Weiterentwicklung und Erneuerung ist, wobei ich ausdrücklich auch den Neuaufbau des Zerstörten mit einschließe. Erneuerung oder auch Kurskorrektur gegenüber bildungspolitischen und bildungstheoretischen Entwicklungen des letzten Jahrzehnts erschienen mir bei meinem Dienstantritt tatsächlich erforderlich. Das diffuse und mißverständliche Schlagworte von der “Rückgewinnung des Erzieherischen in der Schule” verwies zumindest auf Einseitigkeiten und Fehlentwicklungen vorausgegangener Reformen. Der Glaube an die Programmierbarkeit, Objektivierbarkeit und Meßbarkeit des Lernens sowie die einseitige Festlegung auf kognitive Lernziele und damit verbunden das Außerachtlassen emotionaler Bedürfnisse und das Desinteresse an der Herausbildung sozialer Verhaltensweisen haben die Atmosphäre in den Schulen kalt und steril werden lassen. Hier handelte es sich keinesfalls um ein Sonderproblem des Gymnasiums am Kurfürstlichen Schloss. Vielleicht war ich nach vierjährigem Abstand von jeglicher schulischen Aktivität besonders sensibel für die eingetretenen Veränderungen. Dabei machte ich mir natürlich bewußt, daß man von einer einzelnen Schule aus die vorherrschenden Trends nicht einfach umkehren konnte. Dennoch schien mir der Versuch lohnend, trotz aller widriger Rahmenbedingungen ein pädagogisches Klima zu schaffen durch eine intensivere Zuwendung zum einzelnen Schüler, durch das Einbringen der emotionalen und sozialen Bedürfnisse von Schülern und Lehrern und durch den Geist der Kooperation.

Einer Umsetzung dieses Ziels stand jedoch die Belastung durch auf die Schule zukommende quantitative und strukturelle Veränderungen zunächst einmal im Wege. Die rapide zunehmenden Schülerzahlen in Verbindung mit der ohnehin schon vorhandenen Raummisere, die Einrichtung der MSS unter diesen erschwerten Bedingungen 1975, die Einführung der Koedukation, der Abbau des hohen Unterrichtsausfalls und die Überflutung der Schule mit Verwaltungsaufgaben absorbierten einen großen Teil der Kräfte von Schulleitung und Lehrerschaft. Bei meinem Dienstantritt im Jahre 1975 lag die Schülerzahl noch knapp unter 1000. In den folgenden vier Jahren hat sie sich jeweils um fast 100 erhöht. Eine meiner letzten Maßnahmen im Frühjahr 1979 bestand darin, eine ganze Klasse von neuangemeldeten künftigen Fünftkläßlern an das Frauenlob-Gymnasium umzudirigieren, um den völligen Zusammenbruch der Raumversorgung an unserer Schule zu verhindern. Der erhebliche Zustrom zu unserer Schule hatte sich ohne jegliche Werbung ergeben. Überdurchschnittliche Zuwachsraten wiesen dabei die ehemaligen rechtsrheinischen Vororte von Mainz sowie Hochheim auf.

Eine weitere Veränderung erfuhr das Staatl. Gymnasium am Kurfürstlichen Schloss durch die generelle Einführung der Koeduktion zum Schuljahr 1978/79, beginnend mit der fünften Jahrgangsstufe. Zwar waren in die Oberstufe schon seit längerem Mädchen aufgenommen worden, jedoch nur im Rahmen der für Realschulabsolventen vorgesehenen Übergangsmöglichkeiten.

Die hier aufgezeigten Veränderungen am Gymnasium am Kurfürstlichen Schloss erlaubten nicht immer, daß ich mich mit der gewünschten Intensität den unmittelbaren Fragen von Unterricht und Erziehung zuwenden konnte. Dennoch habe ich nach Kräften versucht, das Prinzip Kooperation in die schulische Praxis umzusetzen. Kooperation ist dabei für mich nicht ein inhaltlich leeres Funktionsprinzip gesellschaftlicher Systeme. Mein Verständnis von Kooperation Iäßt sich in etwa mit den Worten der amerikanischen Psychologin Ruth C. Cohn umschreiben: “Wenn ich, du, wir in dieser Welt wichtig sind, ist unsere Aufgabe, einander kennen und kooperieren zu lernen und diese eine Welt, in der und durch die wir leben, zu pflegen, anstatt sie zu zerstören.” Kooperation bedeutet nicht Aufgabe der eigenen Identität oder auch Rolle, sondern die Suche nach Konsens und gemeinsamem Tun. Sie wird getragen von der Verantwortung für das Ganze; statt “reine” Lösungen durchsetzen zu wollen, wird sie oft von der anderen Seite lernen und sich tragfähigen Kompromissen verschreiben.

Mein Vorgänger hat in seinem Bericht hervorgehoben, dass die Schule über einen “voll leistungsfähigen Lehrkörper” verfügte. “Das Niveau war gut; es wurde ein solider, fachgerechter und den pädagogischen Anforderungen gemäßer Unterricht erteilt, der an die Schüler Ansprüche stellte, sie aber auch entsprechend förderte.” Meine Sorge war es stets, diesen Leistungsstandard nicht durch Anpassung an den Zeitgeist in Frage zu stellen. Wie ich in meiner Antrittsrede erklärte, sah ich es als wichtigen Teil meiner Aufgabe an, Raum für pädagogische Initiativen zu schaffen.

In dieser Zielsetzung fand ich die Unterstützung vieler Kollegen. In bemerkenswert großer Zahl wurden außerhalb der eingefahrenen Gleise des Schulunterrichts und jenseits allzu perfektionistischer Vorgaben der Lehrpläne Versuche unternommen, den Unterricht wirklichkeitsnäher, lebendiger zu gestalten und ihn durch unmittelbare Erfahrungen zu bereichern.

So wurden beispielsweise anerkannte Fachwissenschaftler, Journalisten, Schauspieler, Schriftsteller zu einzelnen Unterrichtsstunden eingeladen. Klassen und Lerngruppen wurden in Betriebe, Theater, Kunstausstellungen, Schriftstellerlesungen, Forschungsanlagen usw. geführt.

Dank des ausdauernden Einsatzes von Herrn Bartlett wurde das Schullandheim in Winterburg wieder stärker frequentiert. Das Gemeinschaftserlebnis für die Klasse wurde von den beteiligten Kollegen meistens höher veranschlagt als die dabei in Kauf zu nehmenden Unterrichtsausfälle. Daneben wurde eine ganze Reihe von Studienfahrten durchgeführt. Ein besonderes Schwergewicht bildeten die Fahrten in Ostblockländer. Modellcharakter hatten vor allem eine Studienfahrt nach Polen und eine andere in die DDR, die seit 1978 vorbereitet wurde, aber erst 1980 realisiert werden konnte.

Viel Zustimmung bei Eltern und Schülern fand der regelmäßige Schüleraustausch mit unserer Partnerschule in England, der Watford Boys’ Grammar School, und dem CESM. Pardé in Dijon, das auch offiziell zu unserer zweiten französischen Partnerschule wurde. Die Kontakte zum renommierten Lycée Carnot in Dijon ließ sich leider nicht wieder anknüpfen. Einen weiteren Austausch organisierte Herr Urban mit einer Schule in den Vereinigen Staaten.

Ein ganz anders geartetes Experiment ging von einem ehemaligen Referendar und jetzigen hauptamtlichen Lehrer unserer Schule aus. Jürgen Schöntges hatte anläßlich eines “Schloßconcerts” der SMV Kontakt zu unserer Schule bekommen. Darauf hin hatte er als Ausbildungsschule in seiner Referendarzeit das Schlossgymnasium gewählt. Als er entdeckte, wie sehr Schüler des Grundkurses Englisch durch englische Lieder für den Unterricht motiviert werden konnten, richtete er aus eigenem Antrieb einen Arbeitskreis für Volkslieder und Populärmusik ein, der auch Zulauf von Schülern benachbarter Schulen erhielt. Inzwischen ist aus dieser privaten Initiative ein offiziell anerkannter Schulversuch unter dem Arbeitstitel “Projektgruppe: Volkslied und Populärmusik in der Schule” geworden, der mit Mitteln des Landes Rheinland – Pfalz gefördert wird.

Zu erwähnen sind hier auch die vielen erfolgreichen Beiträge zu Schülerwettbewerben oder die von den Kollegen angeregten Facharbeiten vor allem zur Mainzer Geschichte.

Hinzuweisen ist auch auf den wichtigen Beitrag von Eltern und Schülern zur Gestaltung des schulischen Lebens. Als besonders glücklich hat sich die vom Elternbeirat betriebenen Gründung eines “Vereins der Freunde des Schlossgymnasiums” erwiesen. Auf eine Anregung der SMV gehen die beiden an unserer Schule veranstalteten “Sportforen” zurück, deren erstes vom Kultusministerium als Vorbild für eine landesweite Aktion für den Schulsport herausgestellt wurde.

Für mich besonders erfreulich war, dass an unserer Schule wieder eine Schülerzeitung entstand, der “Schlossgeist”, die mehr als nur eine Eintagsfliege war.

Sicher waren viele der hier aufgezählten Initiativen nur kurzlebig und punktuell. Im Einzelfall wird man auch nicht immer einen pädagogischen Nutzen bilanzieren könnnen. Wichtiger als die Resultate waren jedoch meist ohnehin die Arbeits- und Lernprozesse, die dadurch in die Wege geleitet wurden. Mit einem Perfektionsanspruch an die zu erwartenden Ergebnisse hätte man nur die Initiativen erstickt. Insgesamt ging es darum, den Schülern das Bild einer lebendigen pädagogischen Umwelt zu vermitteln, in der sie sich wohlfühlen. Unseren Schülern sollte die Chance geboten werden, sich mit ihrer Schule zu identifizieren. Schule habe ich nie als eine abgeschottete “Pädagogische Provinz” verstanden. Mir war stets daran gelegen, die Schule für gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen offenzuhalten, bzw. sie dafür sensibel zu machen. Dabei ging es immer um kritische Auseinandersetzung, nie um gedankenlose Übernahme von Moden und Zeitströmungen. Diese Öffnung zu der uns umgebenden Gesellschaft bot sich für unsere Schule geradezu an, da sie im Zentrum einer Großstadt liegt, die sich durch ihr lebendiges kulturelles Angebot auszeichnet. Bei den zahlreichen Ausstellungen, Schriftstellerlesungen, öffentlichen Diskussionen und Projekten waren fast immer Schüler und Lehrer des Schlossgymnasiums als Betrachter, Zuhörer oder Mitwirkende beteiligt. Eine Verlagerung der Schule an die Peripherie von Mainz hätte gerade dieser Leitlinie der aktiven Teilnahme am kulturellen und sozialen Leben der Stadt entgegengewirkt.

Zu einer lebendigen Wechselwirkung zwischen Schule und Öffentlichkeit gehört aber auch, daß die Öffentlichkeit erfährt, was in der Schule vorgeht. In den Jahren 1975 bis 1979 haben wir am Schlossgymnasium eine intensive Öffentlichkeitsarbeit betrieben.

Dieses große Interesse der Medien an der Arbeit unserer Schule hat u.a. auch die positive Nebenwirkung gehabt, daß die Bereitschaft, sich mit der Schule zu identifizieren, bei Schülern, Eltern und Lehrern größer geworden ist und daß sich das Gefühl der Zugehörigkeit verstärkt hat.

Unsere Schule heute (1981)
Von Hubert Schmitz

Der Erweiterungsbau: Als ich am 10.12.1979 die Leitung der Schule übernahm, näherte sich die Diskussion über den zukünftigen Standort der Schule der Entscheidung. Es war zu befürchten, daß sich die Mehrheitsfraktion des Stadtrats “aus rein schulpolitischen Gründen und auf der Basis des Schulentwicklungsplanes” gegen den Willen der Betroffenen für einen Neubau in Weisenau aussprechen würde, was bei der endgültigen Abstimmung eine Pattsituation ergeben hätte. Damit wäre der Schule immer noch nicht geholfen gewesen. Dem engagierten Einsatz der Eltern und Schüler ist es wesentlich zu verdanken, daß der Stadtrat am 26.3.1980 mit großer Mehrheit die Erweiterung des Gymnasiums am alten Standort beschloß.

Der von allen Betroffenen sehnlichst erwartete Erweiterungsbau wird nach seiner Fertigstellung wesentlich bessere Arbeitsbedingungen für Schüler und Lehrer bieten, zumal auch eine Renovierung und teilweise Umstrukturierung des Altbaues eingeplant sind. Besonders erwartet werden die neuen Fachsäle für die Naturwissenschaften. Diese Fächer haben in der Mainzer Studienstufe ein besonderes Gewicht und bedürfen auch im Hinblick auf die Zukunftsaufgaben und Ansprüche unserer Industriegesellschaft unserer besonderen Förderung, zumal die Naturwissenschaften seit Gründung unserer Schule, dem besonderen Bildungsauftrag entsprechend, immer eine zentrale Stellung einnahmen und zum Ansehen unserer Schule wesentlich beitrugen. Immerhin hatte schon 1854 Dr. Friedrich Schoedler, dessen Erfolge auf dem Gebiet der Naturwissenschaften allgemein anerkannt waren und der ein Schüler des bedeutenden Chemikers Justus von Liebig war, die Leitung der Schule übernommen und sich sehr für den Ausbau der Naturwissenschaften eingesetzt. Ein anderer Schwerpunkt unserer Schule bildet der musisch-künstlerische Bereich. Auch hier werden die neuen Räume die Möglichkeit bieten, an Traditionen, wenn auch erst der jüngeren Zeit, anzuknüpfen, die mit der Einrichtung von besonderen Oberstufenklassen, die 1966 von einem musischen Gymnasialzweig abgelöst wurden, begannen. Zu einer wesentlichen Erleichterung und Beruhigung unseres Schullebens wird auch die neue Turnhalle beitragen. Die alte Turnhalle, die 1914 beim Bezug der Schule durch ihre Größe und reiche Ausstattung mit Geräten beeindruckte, hat in den letzten Jahren stark gelitten und ist viel zu klein.

Strukturelle, inhaltliche und organisatorische Veränderungen: Die 1975 auch an unserer Schule eingeführte Oberstufenreform, deren Ziel es u. a. war, mit der organisatorischen Neugestaltung die curriculare Erneuerung zu ermöglichen und einzuleiten, um damit das eigentliche Anliegen der Reform zu verwirklichen, die Verbesserung der Orientierungs- und Studierfähigkeit des Oberstufenschülers, ist gerade im letzten Jahr Gegenstand eingehender Diskussionen auf Bundesebene geworden. Teilweise wird heute von der Westdeutschen Rektorenkonferenz (WRK) in gleicher Weise wie vor zwanzig Jahren die mangelnde Studierfähigkeit und die ungenügende Allgemeinbildung der heutige Abiturienten kritisiert. Obwohl Rheinland-Pfalz in seinem Modell “Mainzer Studienstufe” weitgehend die Vorschläge der WRK von 1969 berücksichtigte und im Interesse einer breiten Grundbildung bestimmte, daß jeder Oberstufenschüler mindestens in Deutsch, einer Fremdsprache, Gemeinschaftskunde, Mathematik und einer Naturwissenschaft durchgehend unterrichtet werde, beabsichtigt das Kultusministerium, den berechtigten Forderungen der WRK entgegenzukommen, das Lernen von Fremdsprachen und Naturwissenschaften im Sinne einer soliden Grundbildung zu verstärken. Es soll daher künftig für alle Schüler die Wahl von zwei Fremdsprachen und zwei Naturwissenschaften in der Jahrgangsstufe 11 verbindlich vorgegeben werden. Die sich dadurch ergebende Erhöhung der Zahl von Pflichtwochenstunden soll durch eine Senkung der Wochenstundenzahlen für die Leistungskurse von 5 auf 4 Wochenstunden auf 32 Wochenstunden begrenzt werden. Diese Änderungen hätten zur Folge, daß die Qualifikationsphase, d.h. die Zeit, in der die Lernergebnisse in die Gesamtqualifikation für die Abiturprüfung eingehen, erst ein halbes Jahr später begänne, nämlich mit der 12. Jahrgangsstufe.
Eine solche Änderung wäre im Interesse des Gymnasiums und seiner Schüler zu begrüßen, da zu erwarten ist, daß damit das angestrebte Ziel einer breiteren Grundbildung erreicht werden kann, ohne die Vorteile der reformierten Oberstufe (vertiefte individuelle Schwerpunktsetzung, größere Selbständigkeit und Verantwortung des Schülers, wissenschaftspropädeutisches Arbeiten) und die anerkannten Vorzüge der MSS aufgeben zu müssen.

Nachdem in den letzten Jahren der Oberstufe besondere Aufmerksamkeit galt, ist im letzten Jahr auch die Mittelstufe zu Recht in den Mittelpunkt des Interesses gerückt.

Die beiden letzten Jahrzehnte haben auf allen Gebieten in der Bundesrepublik eine starke Zunahme der Gesetze und Normen gebracht. Teils bedurfte unsere hochindustrialisierte komplexe Industriegesellschaft, um die Ordnung sicherzustellen, zahlreicher Regelungen, teils trug aber auch die Ausformung unserer Rechtsordnung als Rechtsstaat zu dieser Normenflut bei. Andererseits benötigen wir immer mehr Vorschriften, weil immer weniger Werte und Normen sich von selbst verstehen. Es ist daher nicht verwunderlich, daß diese Verrechtlichungswelle nicht an der Schule, einem Spiegelbild der Gesellschaft, vorbeigegangen ist, zumal die vom Bundesverfassungsgericht durchgesetzte strikte Grundrechtsgeltung das sog . “besondere Gewaltverhältnis”, innerhalb dessen der Schüler einer nahezu unbegrenzten Ordnungs-, Anstalts- und Maßnahmegewalt der öffentlichen Schule bzw. der Schulbehörden unterworfen war, beendet hat. Da außerdem den Schulen auch durch den Numerus Clausus eine überragende Verteilerfunktion bei der Vergabe von Sozialchancen zugefallen war und die Gleichheit in der Demokratie die Leistung zum einzigen Kriterium favorisiert, braucht man sich über die Zunahme an Leistungsbetonung, an Leistungsmessung, an Objektiviertung nicht zu wundern. Ebenso wenig darüber, daß aufgrund der Entwicklung und der dabei gewonnenen Erfahrungen bei den Lehrern das Bedürfnis zunahm, sich rechtlich abzusichern.

Die personelle Entwicklung: Nachdem die Schülerzahl im Schuljahr 1979/80 auf 1287 angestiegen war, hatten wir im Schuljahr 1980 nach der Aufnahme von drei fünften Klassen mit einer Gesamtschülerzahl von 1247 Schülern wieder den Stand des Schuljahres 1978 (1247) erreicht.

Aussichten und Aufgaben: Nicht erst das Diktat der leeren Kassen hat ein Umdenken in der Bildungspolitik bewirkt, sondern auch der Überdruß der Bevölkerung in der Bundesrepublik an utopischen Zielvorstellungen und ständigen Reformen haben zu einer Besinnung, zum Überdenken der Positionen beigetragen. Dem Glauben an die gesellschaftsverändernde Kraft der Erziehung in der Schule und in der Universität folgte erste Ernüchterung.

Nach unserem Schulgesetz haben die Schulen den Auftrag, den Schüler zu selbständigem Urteil und eigenverantwortlichem Handeln zu erziehen; sie sollen Kenntnisse und Fertigkeiten mit dem Ziel vermitteln, die freie Entfaltung der Persönlichkeit und die Orientierung in der modernen Welt zu ermöglichen sowie zur Erfüllung der Aufgaben in Staat, Gesellschaft und Beruf zu befähigen. Das bedeutet, daß die Erziehung und Bildung im Gymnasium auch der Persönlichkeitsbildung zu dienen hat.

Der Aufbau des gymnasialen Bildungsweges muß sich nach seiner speziellen Bildungsaufgabe (Einführung in die Wissenschaft) und seinen Bildungsabschluß (Hochschulreife) richten. Das bedeutet z.B., daß sich der Unterricht an den Inhalten bestimmter Fachwissenschaften ausrichtet, daß Verfahren des systematischen Vorgehens und Gliederns von Erkenntnisprozessen eingeübt werden, daß die Fähigkeit der Schüler entwickelt wird, auf verschiedenen Ebenen reflektieren und argumentieren zu können.

Ich habe den Eindruck, daß zumindest im letzten Jahrzehnt die Wissenschaft überbewertet wurde. Eltern, Lehrer und Schüler klagen darüber, daß die Lehrpläne wissenschaftlich überfrachtet seien. Vor etwa einem Jahr machten z.B. in einer Fernsehsendung die Präsidenten der hessischen Hochschulen der Schule den Vorwurf, daß die Schule zwei Jahre (damit ist die Hauptphase gemeint, die in Hessen erst in der 12. Jahrgangsstufe beginnt) Universität und die Universitäten dann zwei Jahre Schule spielen müßten. Der Kultusminister von Niedersachsen, Herr Remmers, hielt es für notwendig, daß die Schule von zu starker Wissensorientierung, von der “Stoffhuberei” Abschied nehmen müsse.

Allerdings wird von der kritisierenden Öffentlichkeit oft übersehen, daß gerade sie immer wieder von der Schule verlangt, daß Defizite ausgeglichen werden müßten. Obwohl natürlich Schule sich nicht von der Gesellschaft und ihren Strömungen abkapseln kann, sie somit Spiegelbild der Gesellschaft ist – auch ihrer Krisen -, würde man die Schule und ihre Schüler überfordern, wenn sie auf alle Forderungen reagierte. Die Schule kann eben nicht auf allen Gebieten Grundlagenwissen vermitteln (z.B. Rechts-, Verkehrskunde, Gesundheitswesen). Zu Recht gewinnen daher die Stimmen an Gewicht, die vor zu starker Wissensorientierung warnen und meinen, daß ein Unterricht, der unter Stoffdruck steht, nicht erzieherisch sein könne, weil der Schüler so den Sinn des Lernens nicht einsehen könne. Eine Reduzierung der Stoffülle hätte auch den Vorteil, daß sich der Lehrer im Unterricht dem einzelnen Schüler stärker als bis her zuwenden könne. Im Mittelpunkt all unserer Bemühungen stehe nämlich der Mensch. Das hat zur Folge, daß die innere Schulreform Vorrang vor Organisationsänderungen haben sollte, daß Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Schüler und Lehrer erreicht wird, damit dieser personale Bezug ermöglicht und verstärkt wird. “Kraft und Wirksamkeit der Erziehung hängen ab von den Grundvorstellungen, die die Erzieher vom Menschen haben, und von der Normensicherheit der Gesellschaft, in der die Erzieher leben. Auf beiden Seiten war und ist es schlecht bestellt”, so urteilte im letzten Jahr der Berliner Landesschulrat Bath in seinen 30 Thesen zur Erziehungs- und Bildungsaufgabe der Schule. Obwohl in einer freiheitlichen Demokratie und einer pluralen Gesellschaft Sinnfragen nicht verbindlich beantwortet werden können, muß sich die Schule m.E. im Interesse der Jugend verstärkt an der Diskussion um die Grundwerte beteiligen und darf sich nicht in die Unverbindlichkeit retten. Eigentliche Erziehung und Bildung und Entfaltung zur Persönlichkeit setzt nämlich eine Bindung an sittlich- ethische Normen voraus. Andernfalls zieht man “seelenlose Roboter” heran. dies meint Steven Müller, Professor für politische Wissenschaften der Vereinigten Staaten, wenn er feststellt: “Weil unsere Universitäten von sich aus kein Wertesystem schaffen, bilden sie in Wirklichkeit hoch intelligente Barbaren aus: Experten für das Labor, für den Computer, für den Operationssaal, für das Gericht.”

Das setzt allerdings voraus, daß unsere Jugend Werte und Normen rational begründet und – was besonders wichtig ist – von uns selbst vorgelebt werden. Anfang März dieses Jahres klagten Professoren des Hochschulverbandes über Defizite an Kenntnissen und Fähigkeiten sehr vieler Studenten. Besonders bestürtzt waren sie über die charakterlichen Schwächen der Studenten. Sie seien psychisch nicht belastbar, sie wirkten daher auch physisch matt. Die Zahl der Studenten, die kein Stehvermögen hätten, denen es an Ausdauer, Zähigkeit, Konzentrationsvermögen fehle, steige und steige. Ihr Mangel an Selbständigkeit vergrößere ihre Bereitschaft zum Akzeptieren von Autoritäten. Indirekt wird dabei auch die Oberstufe mit der Abwahlmöglichkeit schwieriger Fächer und ihren Folgen kritisiert. Wer nämlich einmal den Weg der Weichlichkeit beschritten habe, tue sich schwer, sich im Studium zu ermannen. Am ehesten gelinge das noch den weiblichen Studenten.
Die Schule aber hat heute vor allem auch den Auftrag, den jungen Menschen zum bewußten Staatsbürger zu erziehen, der nicht nur seine Rechte wahrnimmt, sondern auch seine Pflichten erfüllt, der einsieht, daß sein eigenes Freiheitsstreben dort seine Schranke hat, wo die Freiheit des anderen tangiert wird. Dabei soll er einsehen lernen, daß die Demokratie eine zwar mitunter schwierige, komplizierte Staatsform, aber trotz allem die beste Staatsform ist, für die es sich einzusetzen lohnt.

Die Erziehung zu einem demokratischen Staatsbürger muß zum Ziel haben, daß man den Pluralismus in einer Demokratie anerkennt und bejaht, daß man daher auch die Überzeugung anderer zu achten hat, daß die geistige Auseinandersetzung, und nicht die Gewalt, ein unbestreitbarer Wert gesellschaftlichen Zusammenlebens in einer Demokratie ist, daß sich der wahre und humane Demokrat auch mit dem Mitmenschen solidarisch fühlt, weil auch er in Gemeinschaft mit anderen lebt, deren Hilfe er braucht, und daß eine Demokratie letzten Endes auch auf den Konsens in den Grundfragen angewiesen ist. Ideologen und Gruppeninteressen haben daher in der Schule nichts zu suchen. Das setzt allerdings voraus, daß die Schule den Schülern Möglichkeiten bietet, soziales Verhalten einzuüben, sich auch einmal für die Schule zu engagieren. Indem sie z.B. die Arbeit der SMV unterstützt, Arbeitsgemeinschaften für spezielle Neigungen der Schüler einrichtet, Theater- und Konzertveranstaltungen durchführt, Schulfeste gemeinsam feiert und durch gemeinsame Erlebnisse bei einer Klassen- und Studienfahrt oder im Landschulheim das Zusammengehörigkeitsgefühl fördert. Ich bin auch der Ansicht, daß man, wie das bei uns schon geschieht, die sogenannten “musischen Fächer” bewußt fördert. Ich möchte hier einen Satz zitieren, der mir gut gefallen hat: “Wenn es in der Schule wieder ‘Sonntage’ gibt, verliert der Alltag die Sterilität.”
Wie man sieht, wird von einem Gymnasiallehrer ein hohes Maß an Einsicht, Verantwortung und Tatkraft verlangt. Von seinem Engagement als Lehrer – und Erzieherpersönlichkeit hängt nämlich die Qualität einer Schule ab. “Die eigentliche erzieherische Wirkung eines Lehrers beruht nicht auf dem, was er mitteilt, sondern auf dem, was er ist”, urteilt Erich Weniger 1951. Erziehung setzt allerdings voraus, daß die nötige Zeit zur Verfügung steht, sich auf den, der erzogen werden soll, einzulassen. Ein Lehrer, der ein unmäßiges Unterrichtspensum zu erfüllen hat, dessen Zeit mit Korrekturen, mit penibel vorgeschriebenen Leistungsfeststellungen, mit Organisations- und Vewaltungsaufgaben etc. bis zum Rand angefüllt ist, ist auch dann pädagogisch unwirksam, wenn er seine pädagogischen Examina hervorragend bestanden hat. Erste Voraussetzung für eine verstärkte erzieherische Wirksamkeit des Lehrers wäre also seine Entlastung und eine Reduzierung seiner Arbeitszeit auf ein vernünftiges Maß und eine Senkung der Klassenfrequenzen zum Nutzen von Schüler und Schule.

Es stimmt optimistisch, daß auch der pädagogischen Freiheit, der Eigenverantwortung in der Schule wieder einen höheren Stellenwert eingeräumt werden soll. Z. Z. sieht es manchmal eher noch so aus, als ob Schule und Lehrer der juristischen Vormundschaft unterständen. Viele Probleme werden wohl dann nicht erst auftauchen oder lassen sich wenigstens leichter lösen, wenn Lehrer, Eltern und Schüler einander zuhören, miteinander beraten und möglichst eng zusammenarbeiten, was einer verstärkten Eigenverantwortung dient und entspricht. Auf jeden Fall wird sich unser Einsatz und Engagement lohnen. Wer nämlich die Zukunft meistern will, muß sich der Jugend mit Entschiedenheit annehmen. Insofern kann unsere Schule auch heute noch vertreten, was der damalige Leiter unserer Schule, Herr Dr. Zulauf, in der Festschrift zum 100jährigen Jubiläum feststellte:
“Wenn man auf die Bildung der Persönlichkeit das Hauptgewicht legt, so kann dieses Ziel jede neunstufige Anstalt erreichen, gleichgültig welches Bildungsideal sie vertritt, und nach einem Ausspruch des bekannten Leipziger Pädagogen Litt ist die Schule die beste, die die besten Männer erzieht.”

Wagen wir’ s gemeinsam!
Hubert Schmitz

Das Gebäude des Gymnasiums am Kurfürstlichen Schloss

Von Matthias Riehn und Ulrike Neitzel

“Die Nähe des Kurfürstlichen Schlosses bestimmte die äußere Gestaltung des Gebäudes.” Es wurde bewußt vermieden, architektonisch nur im geringsten mit dem Kurfürstlichen Schloß in Konkurrenz zu treten, abgesehen davon, daß ein solches Streben wahnwitzig gewesen wäre. Was aber unserem Neubau an äußerer Prachtentfaltung vorenthalten wurde, dafür wurde er im Inneren reich entschädigt. So konnte der Erbauer des Hauses, Baurat Gelius, bei der feierlichen Einweihung am 20. April 1914 um 11 Uhr in der neuen Turnhalle dem Oberbürgermeister Göttelmann eine Schule übergeben, die “in ihrem äußeren Aufbau sehr einfach gehalten, im Inneren dagegen sehr zweckentsprechend, sehr gesund und mit künstlerischen Geschmack ausgeführt und ausgestaltet” war. Sie besaß “eine ganz neuzeitliche, äußerst zweckmäßige feuersichere Anlage der Klassenzimmer, helle Gänge, breite und bequeme Treppen mit großen Ausgängen, ebenso einen geräumigen Schulhof mit Fahrradhalle und Monumentalbrunnen und last but not least eine große, reich mit Geräten ausgestattete Turnhalle, die zugleich zur Abhaltung von Schulfeiern benutzt werden kann.”

Doch trotz der immer wieder betonten äußeren Einfachheit des Gebäudes sind Verzierungen und Schmuckelemente vorhanden, die zu einer eingehenden Betrachtung und Würdigung einladen. Am auffälligsten tritt, wie das Titelfoto dieser Schrift zeigt, der Haupteingang in der Diether-von-Isenburg-Straße hervor, der entgegen der Schlichtheit des Gesamtgebäudes fast einen überladenen Eindruck macht. Wahrscheinlich trägt dazu zum einen die Verwendung eines anderen Baumaterials in diesem Bereich bei, denn durch den dunkleren Natursandstein hebt sich der Eingangskomplex deutlich vom beinahe monotonen Grau des übrigen Gebäudes ab, und zum anderen das Ineinandergreifen verschiedener Stilelemente. So treffen klassisch antike Formen (Kapitelle) auf assyrische Elemente (Fabelwesen im Architrav). Flankiert wird der Haupteingang von zwei kannelierten Säulen, die auf der 6. Treppenstufe stehen und auf einem massigen Säulenschaft ruhen. Oben schließen sie mit einem achteckigen Kapitell ab. Diese fast dorisch anmutenden Säulen werden links und rechts von schwerfälligen eckigen Stützpfeilern eingerahmt, an deren Ecken eine massive Steinquaderung angedeutet ist. Auf den Kapitellen der Säulen ruht ein Architrav, dessen Stirnseite mit einem Reliefband verziert ist, das eine phantasiereiche Steinmetzarbeit zeigt. Die Mitte nimmt ein quadratisches Feld ein, das von einer kreisrunden Pflanzenornamentik ausgefüllt ist. Flankiert wird dieses Quadrat von zwei daraufgerichteten Tiergestalten. Die linke stellt einen Löwen dar, die rechte ist ein Fabelwesen, eine Mischung aus Greifvogel (Schnabel, Kopf) und Raubtier (Körper). Gerade dieser Teil des Eingangs läßt Ähnlichkeiten mit assyrischen Tiergestalten aufkommen. Diese beiden Tiergestalten sind Symbole für Geschichte, Tradition, Herrschaft und Autorität. Das Architravrelief wird auf beiden Seiten von je zwei unterschiedlich großen Feldern begrenzt, die in plantativer und reliefartiger Ausführung Motivelemente aus dem pflanzlichen Bereich zeigen. Darüber verläuft, von der Südfront (Diether-von-Isenburg-Straße) beginnend die Westfront (Greiffenklaustraße) entlang, in gleicher Höhe ein Band mit Mäanderornamentik. Dieses, auch Swastika genannte Schmuckelement aus altindischen Sonnen- und Fruchtbarkeitszeichen, verstärkt den fremdartigen Eindruck des Portals und läßt ihn durch den Verlauf des Bandes bedingt an der übrigen Fassade nachhallen.

Die Eingangstür zur Schule befindet sich an der Stirnseite des von Säulen und Architrav gebildeten Vorraums, der etwa drei Meter Tiefe mißt. Zur Greiffenklaustraße hin ist er offen, wird aber von einer ungefähr ein Meter hohen Natursteinbalustrade verandaartig begrenzt. Die metallgerahmte und mit Glas ausgefüllte Doppeltür stammt aus jüngerer Zeit und paßt sich nur schwer in die Umgebung ein. Früher war an dieser Stelle eine verzierte Holztür. Die Türöffnung ist rahmenartig von Naturstein eingefaßt, der, wie Säulen und Architrav, antike Bauelemente aufweist. Den Türsturz verziert der goldene Schriftzug “Realgymnasium”, über welchem eine farblich abgestimmte Pflanzenornamentik bandartig verläuft. Ein Pendant dazu entdeckt man auf der dem Hauptportal gegenüberliegenden Seite, wo sich ein weitaus schlichterer, auch sechsstufiger Eingang befindet. Über der dortigen Tür liest man die vergoldete Jugendstilschrift: “Erbaut von der Stadt Mainz im Jahre 1914”.

An der Südfront, also auf der dem Schloß zugewandten Seite, fallen weitere Besonderheiten auf. Über den Fenstern des ersten Stockes befinden sich mittelachsig vier überlebensgroße Büsten, die von links nach rechts Theodor Mommsen, Hermann von Helmholtz, Justus von Liebig und Friedrich Schoedler darstellen. Sie verkörpern das Bildungsideal des Realgymnasiums: (nationale) Geschichte (Mommsen), Naturgeschichte (Helmholtz, Liebig, Schoedler) und Pädagogik (Schoedler). Der Schwerpunkt liegt deutlich auf den Naturwissenschaften. Nur wenigen ist sicher bekannt, daß der Liebig-Schüler Friedrich Schoedler von 1854 bis 1883 Direktor dieser Schule war. Die Büsten liegen jeweils in einem besonderen Feld und werden rechts und links von je zwei Putten flankiert, die ein die Büsten umgreifendes Schmuckband halten. Eingerahmt werden die vier Darstellungen jeweils von einem mittelgesprengten Rundgesims.

Trotz der oben betonten Unmöglichkeit, mit dem Kurfürstlichen Schloß architektonisch konkurrieren zu können und zu wollen, kann man feststellen, daß sich die Büsten als Schmuckelement in sehr ähnlicher Weise etwa in gleicher Höhe am gegenüberliegenden Schloßflügel wiederfinden. Auch sie sind oberhalb der Fenster angebracht und mit einem mittelgesprengten Rundbogen umgeben. Ob das eine zufällige Ähnlichkeit oder eine bewußte Übernahme ist, kann nicht entschieden werden. Zuletzt müssen noch die drei balkonartigen Vorbauten an der Fassade Greiffenklaustraße Ecke Diether-von-Isenburg-Straße vor den Mittelfenstern des 2. Stockes erwähnt werden. Sie dienen nur ornamentalen Zwecken, denn ihre balustradenähnlichen Geländer schließen unmittelbar vor den Fensteröffnungen ab. Die übrigen Teile sind weniger markant. Das oben erwähnte Mäandergesims trennt an der Süd- und Westfassade das auffällige Erdgeschoß von den oberen Stockwerken; auffällig insofern, weil es sich durch den Pseudonatursteinputz deutlich von den mehr glatt angelegten darüberliegenden Etagen abhebt. Elf waagerecht über die gesamte Erdgeschoßfassade verlaufende Einkerbungen (Mauerrillen) erwecken den Eindruck, als sei dieser Gebäudeteil aus massigen Steinquadern errichtet. Zwischen den sandsteinumrahmten Fenstern des ersten und zweiten Stockes stellen quadratische Schmuckflächen eine Verbindung dar.

Der Grundriß des Hauptgebäudes, so wie man es von der Greiffenklau- und Diether-von-Isenburg Straße sieht, ist L-förmig, wobei der Mittelteil des Komplexes in der Greiffenklaustraße zurückgesetzt ist. Dadurch treten die Teile links und rechts davon deutlich hervor und erwecken den Eindruck zweier separater Gebäudeblocks. Dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt, daß der hintere Block als einziger Gebäudeteil ein 4. Stockwerk aufweist. Dieses wurde 1953 gebaut. In diesem Jahr wurde auch der übrige Westflügel aus Platzgründen aufgestockt. Bezieht man in den Grundriß die nach innen anschließenden Toilettenanlagen mit den darüberliegenden Räumen der Bibliothek und des Zeichensaals und die daran angrenzende Turnhalle mit ein, dann ergibt sich von der Gesamtkonzeption her eine Hufeisenform. Diese umschließt den asphaltierten Schulhof, der an der offenen Seite durch eine hohe Steinmauer von den Wohnhäusern in der Rheinallee abgetrennt ist. Die Turnhalle besitzt ein Satteldach und ist an ihrer Front einstöckig. Sie zeigt mit der Giebelseite zum Schulhof. Im Erdgeschoß sind neben der breiten, eckigen Eingangstür (ein Nebeneingang befindet sich an der rechten Seite der Giebelfront) links und rechts je zwei hohe rechteckige Fenster eingelassen, im ersten Stock sechs Fenster mit oben liegendem Rundbogen. Im oberen Teil der Giebelwand, fast im Winkel der beiden Dachschenkel, befand sich bis zum Zweiten Weltkrieg eine Uhr, heute ist sie an der gegenüberliegenden Seite des Schulgebäudes angebracht. Herausragendes Merkmal ist der mit Natursandstein umrahmte Eingang einschließlich der darüberliegenden Steinmetzarbeit. Sie stellt die vier F (Frisch – Fromm – Fröhlich – Frei) des Turnvater-Jahn-Kreuzes dar, die von einem Lorbeerkranz umschlossen werden.
Der der Turnhalle gegen überliegende Schülereingang ist ein schmuckloser rechteckiger Durchlaß durch das Gebäude an der Diether-von-Isenburg-Straße zum Kurfürstlichen Schloß hin. Er wird von einem einfachen Holztor verschlossen. Zwischen Turnhalle und Schulgebäude, vor den Toiletten, liegt ein Vorhallenbereich, der von vier Sandsteinsäulen gestützt wird. Darüber liegt ein ungefähr 40 m2 großer Balkon. Ein weiterer Balkon zum Schulhof hin befindet sich gegenüber der Turnhalle im 1. Stock am Lehrerzimmer auf dem Dach des kleinen, nur erdgeschossigen Vorbaus. Am Ende des Gebäudekomplexes in der Greiffenklaustraße steht das zweigeschossige Direktorenhaus. Es ist durch die eingeschossige Hausmeister (mit Flachdach, das als Terrasse vorgesehen war) mit dem Schulgebäude verbunden. Der Mäandersims und eine ähnliche Schmuckornamentik und Fenstergestaltung wie am Schulgebäude finden sich hierwieder und verstärken somit den Eindruck einer Einheit. Der Eingang wird von zwei kannelierten Pseudopfeilern umrahmt. Darüber befindet sich ein ovales Fenster mit Rahmenornamentik. Der hinter dem Direktorenhaus, dem jetzigen MSS-Haus, liegende Garten wird als Schulgarten genutzt. Er wird begrenzt von dem Nordflügel des Schulgebäudes und der Westseite der Turnhalle.

Im Inneren des Schulhauses sind ebenso wie außen antike Gestaltungselemente zu finden, vornehmlich im Erdgeschoß. Sie sind recht unscheinbar und fallen bei oberflächlichem Betrachten kaum auf. Deshalb soll hier einmal der Blick auf sie gelenkt werden. Im Foyer, dem Raum unmittelbar hinter dem Windfang des Haupteingangs, fällt die breite, vielstufige Treppe ins Auge. Sie führt zwischen zwei kannelierten, eckigen Doppelsäulen aus Naturstein nach oben. Die Kapitelle der Säule zeigen stilisierte Blattornamente, die trotz ihrer sparsamen Verwendung an korinthische Verzierungen erinnern. Die Treppenstufen sind aus Granit, der Fußboden ist mit karminroten, sechseckigen (neuerdings auch quadratischen) Kacheln gefliest. Die Decke im Eingangsbereich ist kassettiert, wiederum ein typisches antikes Gestaltungselement. Ein kleineres Treppenhaus in der gleichen Bauweise und Aufmachung findet sich im Nordflügel des Gebäudes. – Im Foyer, gegenüber der großen Treppe, ist eine Ehrentafel angebrachte mit den Namen der im Ersten Weltkrieg gefallenen Lehrer und Schüler. Sie ruht auf einem mehrfach abgestuften, sich nach unten verjüngenden Gesims und läuft im oberen Teil spitzwinklig zusammen. Dieses Giebelfeld ist mit einem Stahlhelm und einem Lorbeeremblem verziert. Die Ehrentafel wurde am 22. September 1922 enthüllt. Der Entwurf stammte von Professor Anton Huber, die Ausführung von dem Bildhauer Karl Lipp, beide ehemalige Schüler des Realgymnasiums. Der damalige Zeichenlehrer Krost entwarf die Schrift.

Ein solches Gebäude beziehen zu können (die nur geringfügigen baulichen Veränderungen – 1953 Aufstockung des Westflügels um eine 3. bzw. im nördlichen Teil um eine 4. Etage – lassen es zu, die Beschreibung des Gebäudes im heutigen Zustand mit der des damaligen gleichzusetzen) war für diese Generation eine “wahre Erlösung aus drangvoller Enge”. Man war froh, “die oft sehr störenden Ausbesserungsarbeiten an dem baufälligen Haus (in der Steingasse) sich nicht mehr gefallen lassen zu müssen”. Die Freude über die neue Schule sollte aber nicht lange währen. Der Erste Weltkrieg brach aus. Gleich nach dem Einzug 1914 wurden die als Vorratsräume gedachten Kellerräume in Klassenzimmer umgewandelt. Man mußte zusammenrücken, denn das Gymnasium am Forsterplatz (heute Rabanus-Maurus-Gymnasium) siedelte in das neue Gebäude um, da deren Haus als Lazarett gebraucht wurde. Doch es sollte noch schlimmer kommen. Am 12. Dezember 1923 mußte das Schulgebäude zwangsweise der französischen Besatzungsbehörde übergeben werden, die Lehrmittel überließ man der Schule. Am 2. Januar 1924 mußte die Dienstwohnung des damaligen Hausmeisters Kuhnke und am 21. März 1924 die des Direktors Dr. Zulauf zwangsgeräumt werden. Der Unterricht fand wieder in dem alten Haus in der Steingasse statt. Keiner hatte sich beim Umzug in die Greiffenklaustraße vorstellen können, daß man nach nur neun Jahren wieder gezwungen sein würde zurückzuziehen. Und so äußerte sich Dr. Zulauf fast seufzend zu diesem Geschehen: “Wer hätte damals gedacht, daß wir noch einmal froh wären, unsere Anstalt in Deutschlands schwerster Zeit in das alte Schulhaus retten zu können”. Von Januar 1924 bis Juli 1926 war das französische Gymnasium im Gebäude am Kurfürstlichen Schloß untergebracht. Nach dem Vertrag von Locarno wurde das Haus im Frühjahr 1927 wieder dem Realgymnasium übergeben, nachdem es einer gründlichen Renovierung unterzogen worden war und sogar eine Badeeinrichtung für Schüler erhalten hatte. Die naturwissenschaftlichen Sammlungen, die durch den dreimaligen Umzug schwer gelitten hatten, wurden mit Hilfe eines Reichszuschusses zeitgemäß ergänzt. Sogar eine Radioeinrichtung für 20 Hörer wurde installiert. Der Spielplatz in der Greiffenklaustraße, den die Stadt 1921 der Schule als Erweiterung des Schulhofes überlassen hatte, wurde hergerichtet, ebenso der Schulgarten.

Bei der Einzugsfeier am 1. Mai 1927 dankte Direktor Dr. Zulauf dem Bürgermeister Dr. Ehrhard, dessen Mitarbeitern, der ReichsvermögensverwaItung und der Provinzialdirektion für “ihre tatkräftige Unterstützung während unserer Verbannung und bei der Wiederherstellung unseres neuen Hauses am Kurfürstlichen Schloß”.

Im Schuljahr 1935/36 zeigt sich, daß die politische Entwicklung nicht vor dem Schultor haltmachte. Eine stärkere Ausrichtung auf die neue Ideologie, darin eingeschlossen eine deutliche Betonung des Sports, begann. Die Eingangshalle wurde in eine Ehrenhalle umgewandelt, in der man eine Büste Adolf Hitlers aufstellte. Der über der Turnhalle liegende Singsaal wurde zum Turnsaal und der davorliegende Gang in einem Umkleideraum umgebaut. Im Sommer 1938 wurde der nun “Boxraum” genannte ehemalige Singsaal durch eine Treppe mit der Turnhalle verbunden. Aber auch die naturwissenschaftlichen Sammlungen vergrößerten sich. So mußte 1938 der Physik ein zusätzlicher Raum zur Verfügung gestellt werden, da deren Lehrmittelsammlungen durch Schenkungen ständig zunahm.

In der Nacht vom 11. auf den 12. August 1942 wurde das Schulgebäude während eines Luftangriffes auf Mainz stark beschädigt. Der Dachstuhl brannte ab, die Fenster wurden herausgerissen. Die Räume des 3. Stockes, die Turnhalle, der Boxraum, der Musik- und Zeichensaal konnten wegen der Zerstörungen nicht mehr benutzt werden. Dennoch konnte das Schulhaus am 11. Januar 1943 wieder teilweise bezogen werden.

Das Dach war allerdings so beschädigt, daß bei starkem Regen das Wasser durch alle drei Stockwerke bis in den Keller drang. Dieser widrige Umstand beeinflußte sehr nachhaltig den Schulbetrieb, da die Klassenräume im 3. Stock dadurch nicht benutzt werden konnten. So ist verständlich, daß es ein Hauptanliegen der damaligen Schulleitung sein mußte, für die Herstellung des Daches zu sorgen, von der Ausbesserung der Türen und Fenster abgesehen. Der Briefwechsel nach 1945 mit der französischen Militärregierung und die monatlichen Berichte über die Schulverhältnisse spiegeln das wieder. “Am Zustand des Schulgebäudes hat sich nicht viel verändert. Durch Freigabe der Militärregierung ist uns ein Teil der Dachpappe zum Abdichten unseres Daches geliefert worden. Es fehlt immer noch Glas und Holz zum Abdichten von Fenster und Türen, außerdem Koks zur Heizung”. Die ähnlich lautende Klage einen Monat später zeigte die Schwierigkeiten, Material zu besorgen: “Das Dach unserer Schule ist jetzt zum Teil mit Dachpappe eingedeckt. Es fehlen uns noch ca. 800 m2 Dachpappe und die dazugehörigen Dachpappennägel” (Brief vom 8. Dezember 1945). Endlich wird im Januar 1946 “das Notdach, dessen Lebensdauer höchstens auf ein Jahr veranschlagt werden kann”, fertigestellt (Brief vom 29. Januar 1946). Doch die Ausbesserungsarbeiten gehen nur schleppend voran. Sie werden im Mai 1946 ganz eingestellt, weil alle Arbeitskräfte und alles Material zum Ausbau der Mainzer Universität verwandt wurden. Aber nicht nur die Schäden am Gebäude beeinträchtigten den Schulbetrieb. Die 1945 im Haus einquartierte französische Brückenwache verschaffte sich oft gewaltsam Zutritt zu den naturwissenschaftlichen Räumen und beschädigte die dortigen Geräte, Apparaturen und Bücher.

Im Jahre 1948 ist eine allgemeine Verbesserung der Situation zu verzeichnen. So wurde Anfang 1948 die Verglasung des Gebäudes schrittweise durchgeführt und im Frühjahr desselben Jahres die Instandsetzung der Heizungsanlagen abgeschlossen. Bisher hatte man nur vier Öfen zur Verfügung, die obendrein sehr schlecht brannten. 1951 wurde die Errichtung eines festen Satteldaches in Angriff genommen, allerdings nur zur Diether-von-Isenburg-Straße hin. In der Greiffenklaustraße blieb das Notdach noch bis 1953, wo es im Zusammenhang mit der Aufstockung des dortigen Gebäudeteils um eine Etage ebenfalls durch ein Satteldach ersetzt wurde.

Die Raumsituation verbesserte sich allmählich. Hatte man 1946 nur 21 Klassenräume mit drei Fachsälen zur Verfügung (Bericht vom 12. Juli 1946), so konnte man 1947 durch den Ausbau des 3. Stockes in der Diether-von-Isenburg-Straße vier weitere Räume hinzugewinnen. 1953 wurde eine Erweiterung der Schule wegen der wachsenden Schülerzahl (mittlerweile 1150) notwendig. Nunmehr wurde der Gebäudeteil in der Greiffenklaustraße aufgestockt, wodurch fünf weitere Klassenräume und zwei Fachsäle bezogen werden konnten. Mit dem Wiederaufbau der zerstörten Turnhalle im gleichen Zeitraum verbesserte sich auch die Situation des Schulsports. Gleichzeitig mußte der Schulhof erweitert werden, da er die Schülermengen kaum noch fassen konnte. Man verband ihn 1953 mit dem ehemaligen Spielplatz hinter der Stadtbibliothek, was mit Hilfe eines Durchbruches durch den Toilettentrakt geschah. Dieser neue Schulhof wurde 1964 asphaltiert. Er wird heute teilweise als Sportplatz genutzt.

Ein weiterer Anstieg der Schülerzahlen in den 70er und 80er Jahren und die nicht mehr zeitgemäßen Einrichtungen machen eine erneute innere und äußere Erweiterung notwendig. Sogar ein Schulneubau an einem anderen Platz wurde diskutiert. Wie eingangs erwähnt, entschied man sich im Herbst 1980 für den Verbleib im traditionsreichen Gebäude am Kurfürstlichen Schloss, das der Schule ihren Namen gegeben hat. Nach Abriss der Turnhalle und des Toilettentraktes soll an dieser Stelle der geplante Erweiterungsbau hauptsächlich mit Fachräumen errichtet werden, damit die Schule für weitere Jahre den Anforderungen eines zeitgemäßen Unterrichtes gewachsen ist.