Erinnerungen aus den Jahren 1934 - 1942

Von Günther Fleckenstein

Bei meinen Besuchen in Mainz, so kurz sie auch sein mögen, mache ich fast immer einen Spaziergang zum Rhein, zur Stephanskirche, zum Dom und zu meiner Schule, dem ehemaligen Realgymnasium in der Greiffenklaustraße. Ich schaue dann auf den kleinen Sportplatz hinter der Turnhalle, wo wir so oft unsere Fußball- oder Handballspiele austrugen und sonstige Sportarten, wie Hoch- und Weitsprung übten. Wenn ich dann am Haupteingang vorbeikomme, wo zu meiner Zeit kein Schüler, es sei denn zu Arreststrafen, eintreten durfte, werden so manche Gefühle und Erinnerungen wach, gute und weniger gute, die Vergangenes beschwören und vergegenwärtigen. Der ganze so wichtige Lebensabschnitt vom 10-jährigen Sextaner bis zum 18-jährigen Primaner gestaltet sich wie ein Film im Zeitraffer, in dem die Freuden wie die Qualen hart aneinander geschnitten sind.

Als der letzte unselige Krieg beendet war, lag – wie wir alle wissen – Mainz in Schutt und Asche. Das Haus, in dem ich bis zu meinem Abitur bzw. meiner Einberufung zum Militär- und Kriegsdienst wohnte, war niedergebrannt. Im Sommer 1945 wurden wir in einem Kriegsgefangenentransport vom Lager Dietersheim nach Süddeutschland verlegt. Es war ein langer Zug von Vieh- und Güterwagen. In Mainz, ziemlich genau gegenüber unserem Wohnhaus, kam der Zug zum Halten. Durch die engen Gitterstäbe des Waggons sah ich die zerstörten, von Spreng- und Brandbomben zerrissenen und geschwärzten Gemäuer.

Als später die Aufräumungsarbeiten einsetzten, fand man im Trümmerschutt eine Kiste, die meine Mutter im Luftschutzkeller untergebrachte hatte. Sie war, durch welchen glücklichen Umstand auch immer, der Katastrophe entgangen. In ihr befanden sich außer ein paar Büchern auch eine Kommerszeitung aus dem Jahre 1941 und ein Foto meiner Klassenkameraden, von denen mehr als die Hälfte gefallen oder vermißt sind.

Die Zeitung stammte von einer Abschiedsfeier. Wir Schüler der Klasse 7a (damals die Klasse vor dem Abitur, Obersekunda) wurden, da ein Teil der Mitschüler schon zum Kriegsdienst einberufen wurden, mit den verbleibenden Schülern der Parallelklasse zusammengelegt. Bevor dieses geschah, trafen wir uns bei Bier, Wein, Musik und Gesang in einem kleinen Raum des Mainzer Rudervereins im Winterhafen. Aus diesem Anlaß wurde auch jene Kommerszeitung gedruckt, die den Brand überstehen durfte.

Als wir 1934 das damalige Realgymnasium betraten, konnten wir nicht ahnen, was die kommenden Jahre schicksalhaft bereit hielten. Hitler und die Nationalsozialisten waren gerade ein Jahr an der Macht und so hieß die Schule, wenn auch nicht lange, nicht mehr Realgymnasium, sondern wurde in Hermann-Göring-Oberschule für Jungen umgetauft. Auf den Unterricht hatte das kaum einen merkbaren Einfluß. Die meisten Lehrer waren im reiferen Alter und richteten all ihr Interesse auf das Lehrpensum und nicht auf das politische Geschehen. Lediglich in der großen Pause mußten wir uns im Schulhof zu Freiübungen versammeln, und vom Balkon des Lehrerzimmers bekamen wir dazu einen kernigen “Spruch des Tages” zu hören. Ab und zu erschien auch mal ein Studienrat oder Assessor in der Uniform eines Blockwarts oder SA-Führers, was uns aber eher belustigte und keineswegs die Autorität des Lehrers steigerte, weil der gewohnte Habitus des Lehrkörpers sich keineswegs mit der Uniform vertrug; denn es gab zu dieser Zeit, so paradox das heute scheinen mag, noch den Typus des Lehrer-Originals.

Der typische Vertreter dieses “Paukers” war Dr. Beck, die “Addel” genannt. Ganz sicher seines Vornamens “Adolf” wegen. Er trug einen Zwicker und Stehkragen und immer denselben grau-blauen Anzug. Wir hatten ihn in Latein und Geographie. Ungezählte Aussprüche, mit lustigen Versprechern gewürzt, gingen von ihm von Schülermund zu Schülermund. Auch in unserer Kommerszeitung sind sie angeführt, z.B. “Es war Mussolini, der wo die ‘Rokitnosümpfe’ entschlammte” und “So hatte Philipp II. ein Reich, in dem die ‘Welt’ nicht unterging”, usw., usw. Er hatte die merkwürdige Angewohnheit, oftmals beim Eintritt ins Klassenzimmer mit lauter Stimme die Klasse mit den seltsamsten Fragen zu überraschen. So kam er auch eines Morgens zu uns hereingestürmt und fragte: “Was ist gut?” Um dann auf unser verblüfftes Schweigen hin, selbst zu antworten: “Tapfer sein ist gut, Nietzsche!” Auch kam es vor, daß er sich unvermittelt zur Tafel wendete und in großen Buchstaben hinschrieb: “Fortes fortuna adiuvat”. “Was heißt das?” fragte er einen der Schüler, der dann wörtlich übersetzte: “Das Glück unterstützt die Tapferen”. “Quatsch”, jubilierte Addel, “das heißt frei übersetzt: Dem Mutigen gehört die Welt.”

Er war von einer unvorstellbaren Nervosität und Erregbarkeit. Es genügte schon, das Fenster am Katheder vor seinem Erscheinen offen zu lassen, und gleich ging ein überschäumendes Getobe los. Er konnte sich aber auch an sich selbst entzünden, wenn er den zu behandelnden Lehrstoff zu erklären versuchte, was allerdings recht selten vorkam. So war es z.B. beim TACITUS. Wir sprachen gerade das Kapitel “Aus dem Alltagsleben. Gelage” durch, als wir an den Satz kamen: “Diem noctemque continuare potando nulli probrum.” Lächelnd unterbrach er unsere mühsamen Übersetzungsversuche und sagte: “Es gibt da ein Liedchen oder Spruch, der folgendermaßen lautet: Sie lagen auf der Bärenhaut und tranken immer noch eines.” “Ich meine”, erläuterte er, immer noch freundlich, “daß das doch maßlos übertrieben ist. Die Germanen haben ja nicht nur gefeiert, sie hatten noch was andere zu tun, als sich Tag und Nacht zu betrinken.” Nun begann er auch schon seinen Füllhalter immer rascher zwischen seinen Fingern zu drehen, der Zwicker zuckte sich bis zur Nasenspitze vor, sein Ton wurde schärfer und wütender und plötzlich tobte er aus Leibeskräften: “Es ist doch unerhört, von solchen frechen Kerls zu behaupten, unsere Vorahnen hätten nichts als Met getrunken und sich auf der Bärenhaut herumgewälzt!!! Das ist doch einfach lächerlich, so was.” Nur langsam beruhigte er sich, und wir genossen Addels neuerlichen Ausbruch, der natürlich wieder Gesprächsstoff für die gesamte Schule lieferte.

Damals hatten wir aber auch noch einen anderen Lehrertyp, der uns Deutschunterricht gab. Ich komme aber beim besten Willen nicht auf seinen Namen. Er war ein trotteliger, aber nicht ungefährlicher Mann. Mit leuchtenden Augen sprach er vom Sinn des Krieges und von der notwendigen Weltherrschaft des Nationalsozialismus. “Eindeutschen” war eines seiner Lieblingsworte. Er war es auch, der uns bei einer Deutscharbeit das Thema stellte: “Inwiefern war Faust der erste Nationalsozialist?” Merkwürdigerweise gab er noch Alternativthema dazu, nämlich “Begegnungen mit Menschen”. Es ist bezeichnend und spricht für unsere Klasse, daß keiner von uns über den nationalsozialistischen Faust schrieb, sondern alle über Begegnungen mit Menschen. Nicht, daß wir damit im entferntesten gegen den Nationalsozialismus protestieren wollten, wir waren ja alle in der Hitler-Jugend und wurden mit Naziparolen tagtäglich gefüttert, es war aber ein Protest gegen das Einseitige und die von uns allen als grotesk empfundene, sinnlose Vermischung der Faust-Figur mit Parteiinteressen.

An diesen Vorfall habe ich mich oft während meiner Theatertätigkeit erinnert, wenn ich in Programmheften oder Kritiken über eine Theateraufführung nach dem Krieg las: “Faust der Kapitalist” oder “Faust der Imperialist”. Spontan mußte ich denken: Damals standen wir Schüler unter einem, wenn auch gut getarnten Einfluß und bewiesen Geschmack und Anstand. Heute, im denkbar freiesten Staat, ohne jeden politischen Zwang und Druck, halten sich manche Theaterleute mit einer so fragwürdigen Interpretation für besonders progressiv und wagemutig.

Der ganz entgegengesetzte Lehrertyp war Studienrat Dr. Dumont, dem ich mit großer Dankbarkeit verbunden bleibe. Er war nach dem Krieg auch Direktor unserer Schule. Ein großer Pädagoge und Erzieher, ein hervorragender Lehrer, der uns mit poetischer Phantasie Literatur und Literaturgeschichte beibrachte. Man munkelte damals, er sei Freimaurer gewesen und deshalb zum Studienrat degradiert worden. Wir verehrten und liebten ihn ausnahmslos. Ich traf ihn Anfang der 50er Jahre in der Nähe des Mainzer Stadttheaters, wo ich als junger Regisseur meine Theaterarbeit begann. Wir sprachen stundenlang über alles, was uns bewegte und beschäftigte, und alles, was er sagte, war frisch und lebendig und voller geistiger Klarheit und von musischer Beseeltheit. Als ich ihm beim Abschied dafür dankte, erwiderte er mir mit einem von ihm geschriebenen Gedicht:

Du fragst, wie alt ich sei,
Und du, woher er rühre,
Der warme Lebensatem,
Der des Alters spotte.
Ich sage euch, schon an des Alters Türe:
Er kommt aus freien Tiefen,
Kommt vom lebendigen Gotte,
Den nie gefesselt ich in mir geduldet,
Des Kraft ich heilig ehrte als das Leben,
Dem ich mein eigen Dasein einst geschuldet.

Mit diesen Versen möchte ich den kleinen Erinnerungsbericht beschließen.

Erinnerungen an meine Schulzeit 1940-1949

Von Hugo Brandt

Die Erinnerungen an die Schule sind für einen, der nie ein Musterschüler, noch nicht einmal ein guter, war, gemischt. Ich kann und will nicht behaupten, ich sei gerne zur Schule gegangen, und die Gefühle des Verdrusses über viele Lehrer halten sich mit den Gefühlen der Dankbarkeit, weil man doch fürs Leben – und so, zumindest die Waage. Da ich dann selber Lehrer geworden bin, hat mir diese Erinnerung die nötige Distanz zu meinem Beruf verschafft.

Nein, (bitte sehr) ich habe keine Heimatgefühle, wenn ich an der alten Penne vorbeigehe, und das geschieht schon deshalb ziemlich oft, weil viele politische Geschäftereien im altehrwürdigen Kurfürstlichen Schloß stattfinden Es ist aber auch kein Blick zurück im Zorn. Nein, das auch nicht. Im Gegenteil, die Schule hat sich eine gewisse Freundlichkeit bewahrt, die keineswegs selbstverständlich ist. Als ich Anfang der sechziger Jahre noch einmal ein Studium aufnahm und dafür den Nachweis des Großen Latinums brauchte, kam ich in arge Verlegenheit. Zwar hatte ich sieben Jahre lang Latein bei Selzer und Addel Beck mehr oder minder mit Hilfe des Spickers gelernt, aber nirgendwo war das bescheinigt. Latein hatte ich vor dem Abitur abgewählt, weil es mir ausreichend schien bei den Unsicherheiten und Schwierigkeiten des damaligen Zentralabiturs – das hatten uns die Franzosen eingebrockt – mich mit Englisch und Französisch herumplagen zu müssen. Nach immerhin fast 15 Jahren brachte es das Direktionssekretariat fertig, aus den verstaubten alten Klassenbüchern eine Bescheinigung herauszufiltern, in der mir attestiert wurde, ich hätte sieben Jahre lang durchschnittlich mit durchschnittlichem Erfolg am Lateinunterricht teilgenommen. Zwar konnte ich durch diesen Akt der Freundlichkeit kein Wort Latein mehr als vorher, aber ich hatte einen Schein, und allein darauf kam es an. Ich habe jedenfalls diese hilfreiche Geste von damals nicht vergessen.

Angefangen hat das ja ganz woanders. 1940, drüben in der Gutenbergschule, Oberschule für Jungen, in der Adam-Karrillon-Straße. Die wurde irgendwann gegen Ende des Krieges kaputtgeschmissen, und wir Schüler standen ohne Schule und ohne Unterricht da, ein Zustand, der sich erst im Sommer 1945 änderte. Damals wurden wir dann alle, soweit wir nicht Humanisten waren, in der Hermann-Göring-Schule, nunmehr Gymnasium in der Greiffenklaustraße, zusammengefaßt. Dazwischen lag nicht nur der erwähnte Namenswechsel, dazwischen lag der Zusammenbruch des Deutschen Reiches und die radikale Veränderung vieler persönlicher Einzelschicksale. Wir 14- bis 15-jährigen hatten im Februar gesehen, wie die Stadt unterging, manche von uns kamen gerade aus Internierung oder Gefangenschaft zurück, viele waren noch evakuiert, irgendwo draußen auf dem Lande. Und das, was man einen geordneten Schulbetrieb nennen mag, stellte sich erst allmählich ein. Das war noch nicht einmal bis 1949, als mein Jahrgang ins Abitur ging, geschafft. Alles war provisorisch, die Räume waren es, notdürftig abgedeckt, die Türen Holzverschläge, die Fenster durchsichtiges Drahtpapier, die Bücher waren provisorisch, damals nur ganz wenige, auf schlechtes Papier gedruckt, leicht zerfleddernd, und für die meisten Fächer gab es überhaupt keine Bücher. Schreibmaterial klaubten wir uns allen Ecken zusammen, Papier war Mangelware und überdies schlechte, dem Federhalter mit dem Tintenfaß widerfuhr letzte Ehre, und es war ein enormer Fortschritt, als dann Schreibgeräte mit merkwürdig gedrehten Glasfedern auf den Markt kamen, frühe Vorläufer des Kugelschreibers. Selbst die Lehrer waren irgendwie provisorisch. Viele kamen erst nach und nach aus der Kriegsgefangenschaft zurück, andere waren zunächst auf geheimnisvolle Weise von der Bildfläche verschwunden und tauchten später wieder auf, nachdem – wie man dann erfahren konnte – sie durch die Entnazifizierungsreinigung gelaufen waren. Kaum einer aber konnte es sich leisten, nur auf seinem Fachgebiet zu unterrichten, es kam schon vor, daß der Biologe auch den Deutschunterricht versorgte und der Mathematiklehrer sich in Latein versuchte. Manche Fächer fielen einfach aus, – die gab es nicht. Ich kann mich nicht erinnern, von 1945 bis zum Abitur 1949 auch nur eine einzige Stunde Musik gehabt zu haben. Für Schulorganisatoren, Lehrer und Schüler, die Eltern nicht zu vergessen, war das Improvisieren die am meisten geforderte und von allen geschätzte Eigenschaft. Vielleicht ist das der größte Gegensatz zum geordneten Schulbetrieb von heute, der in seiner Perfektion die Schwiegermutter der Langeweile ist. Es ging uns schlecht, wir hatten in der ersten Zeit nach dem Kriege nicht satt zu essen, die Kleidung suchten wir uns aus den Schränken derjenigen aus der Verwandtschaft, die nicht mehr nach Hause gekommen waren, die einfachsten Lernmittel mußten von überallher zusammengekratzt werden. Glücklich der, der ein Fahrrad hatte, um damit in die Schule fahren zu können, im übrigen war man angewiesen auf die langsam wieder anrumpelnden überfüllten Straßenbahnen, die uns bis zum Kaisertor brachten, wenigstens aber bis zum Bahnhof.

Viele von uns hatten neben der Schule noch eine Reihe von Aufgaben zu lösen, die schwieriger waren als die allfällige Mathematikaufgabe. Unsere Väter, unsere älteren Brüder waren, sofern sie noch lebten, irgendwo draußen in Kriegsgefangenschaft, man mußte sich um die Familie kümmern, die jüngeren Geschwister; wir verkloppten den Amis, was an die Nazis erinnerte, Zigarettenbilder von früher, Dolche, Mein Kampf und Gott – weiß – was sonst noch und erhielten dafür Verpflegungspakete und Zigaretten. Wir fuhren hinaus und quandelten mit den Bauern Blechbüchsen gegen Mehl, Speck und Eier, hingen auf der Fahrt Richtung Alzey in überfüllten Zugwaggons ohne Fenster und Türen. Irgendwie ging alles, wir überlebten, und die Schulaufgaben waren uns herzlich schnuppe, jedenfalls in den allerersten Zeiten nach Wiederbeginn.

Wir hatten nichts im Überfluß, und deshalb gab es auch keinen Überdruß, weder an der Welt noch an den Menschen, allenfalls an der Schule.

In der jüngeren Zeit ist ein Buch erschienen, das sich mit den 50jährigen beschäftigt. Untertitel: Die betrogene Generation. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Bezeichnung stimmt. Gewiß, wir hatten nur wenig Chance, kindlichen oder jugendlichen Elan völlig unbeschwert zu leben, aber das war auch ein Vorteil, denn wir wußten, daß wir gefordert waren, daß es zu einem nicht unbeträchtlichen Teil auf uns ankam. Die heute Fünfzigjährigen hatten mit 15 mehr Verantwortung für andere und ihre Umgebung zu tragen als heutzutage. Diese Aufgabe hat uns nicht nur belastet, sie hat uns geprägt und schließlich geholfen, sehr früh unsere eigene Persönlichkeit zu entfalten.

Es ist gewiß nicht Stolz auf eine besondere Leistung, die man im Rückblick empfindet, eher eine gewisse Verwunderung darüber, daß alles doch irgendwie ging. Nein, ich fühle mich nicht zu einer betrogenen Generation gehörig, wenngleich der gelegentliche Zorn darüber nicht zu verhehlen ist, daß diejenigen, die uns Ziele wiesen, die wir mehr oder minder fraglos übernahmen, es eigentlich hätten besser wissen müssen. Verbohrte gab es da, wie jenen Seemann, noch drüben in der Gutenbergschule, der die Klassensprecher in der Pause antreten ließ, um ihnen das dem Führer schuldige Lernsoll zu vermitteln, da gab es die Mitläufer, die Feigen, aber auch die, die nicht aufgegeben hatten und die es uns mitunter vorsichtig wissen ließen, ohne daß wir es begriffen hätten. Erst später fügte sich mancher Pinselstrich zum Bild. Ja, Zorn darüber, daß das alles hätte anders sein können, aber keine Klage über eine betrogene Generation. Das ist vielleicht eine Alterssicht. Wir damals standen mit beiden Füßen auf dem Boden einer gar nicht schönen, aber fordernden Wirklichkeit. Und sie war unsere beste Lehrmeisterin. Sie verlangte von uns sehr präzise, rationell und behende zu denken und zu handeln, bei Androhung härtester, sich von selbst einstellender Strafe. Das war aber nur die eine Seite der Sache, die andere war besetzt von der Gewißheit, daß wir gebraucht wurden. Ohne uns ging es nicht. Und vielleicht besteht zwischen der Jugend von heute und denen von damals gerade darin der Wesensunterschied. Wir wurden gebraucht, wir wußten es, und wir stellten uns der Herausforderung. Die von heute können sich offensichtlich nicht so ganz sicher sein, ob sie gebraucht werden, was man mit ihnen vorhat. Ist solches Mißtrauen erst da, ist es mit keinem politischen Unterricht mehr wegzuwischen. Wir wußten damals nicht, wie wir den nächsten Tag überleben sollten, aber wir hatten eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie die Welt in 10 Jahren aussehen sollte. Heute ist der nächste Tag kein Problem, aber man hat kein Vertrauen in die fernere Zukunft. Und mitunter frage ich mich, wie wir, die jetzt doch schon Alten, den heute Jungen helfen können. Vielleicht sagen die es uns gelegentlich.

Lang, lang ist's her - Erinnerungen an die Schulzeit

Von Herbert Bonewitz

1945. – Die “Trümmer”-Generation zieht in die “höher Schul” ein: Ins Schloß-Gymnasium – vormals “Hermann-Göring-Schule”. Ausgemergelte Gestalten, hohlwangig, mehr interessiert an materieller Nahrung als an “geistiger”.

Keine Straßen, keine Bürgersteige als Schulweg, sondern holprige Wege durch Berge von Trümmern. Provisorisch eingerichtete Klassenräume, kaum Lehrmittel, hungrige Lehrer, hungrige Schüler, abgerissene Kleidung.

Hauptattraktion in den Pausen: Milchsuppe der Quäkerstiftung. Praktische Naturkunde im Gonsenheimer Wald: das Zuschippen von Bombentrichtern. Begehrte “Ausgrabungsobjekte” sind Ami-Schokolade, Kaugummi und Zigaretten, die haufenweise dort herumliegen: willkommene “Quantel(Tausch)-Objekte”. Die alten Lehrer leisten Schwerarbeit vor überfüllten Klassen mit bis zu 60 Schülern! – Die junge Erzieher-Generation durch den Krieg stark dezimiert: gefallen, verwundet, vermißt, gefangen.

Pensionierte “Pauker” aus der “Kaiserzeit” halten den Unterricht: de Stautz, de Judex, die Sparbix, de alt Lambinet (mit seinem obligatorischen Riesenschnupftuch), de Baba Selzer (“Bübchen, Bübchen!”) – vor allem die legendäre “Addel”, dessen Schrulligkeit und Zerstreutheit Generationen von Schülern Gesprächsstoff lieferten.

Keine leichte Aufgabe für diese Lehrer aus einer untergegangenen Epoche: aus ehemaligen Volkssturm-Soldaten, aus Hitlerjungen und Pimpfen, aus Kindern – vom Grauen eines fürchterlichen Krieges gezeichnet – junge “Demokraten” und “mündige Bürger” zu machen.

Schulzeit-Erlebnisse, zahlreiche Streiche, der Kampf mit Vokabeln und Formeln, die Angst vor “Giftzetteln” (= Zeugnissen), das Bibbern vor der Versetzung – wie weit liegt das alles zurück! Geblieben sind bruchstückhafte Erinnerungen (“Weißt du noch …?”), schemenhafte Gesichter, Klassenkameraden, Pauker, die ersten “schüchternen Annäherungsversuche” ans andere Geschlecht.

Heute sind meine Kinder längst ihrem eigenen Schulzeitalter entwachsen – sogar Enkel sind schon unterwegs.

Mein nachhaltigster Eindruck von dieser Schulzeit? – Das Leben hat sich später ganz anders entwickelt, als man es sich in der Schule vorgestellt hatte.

Mit meinen sogenannten “stärksten” Fächern: Mathematik, Physik und Biologie habe ich später überhaupt nichts anfangen können. Dagegen gründeten sich meine beruflichen und außerberuflichen Erfolge auf meinen – damals – “schwächsten” Fächer: zum Beispiel Zeichnen (ich wurde Werbefachmann), Turnen (ich wurde “Klavier-Akrobat” in früheren Fastnachtsjahren), Deutsch und Musik (ich wurde Hobby-Kabarettist).

Fazit: Keine Überbewertung der Zensuren und der Talente, die angeblich von der Schule gefördert werden. Sie sind meistens lediglich “Überlebenstechniken” im Alltag der “Penne”.

Daher: Mehr Zweifel an angeblichen schulischen “Begabungen” … mehr kritischer Abstand … mehr Kampf gegen totale Anpassungstendenzen! – Mehr Mut zur Individualität, zur Originalität! – Nicht der “glatt geschliffene” junge Mensch ist wichtig für eine bessere Gesellschaft, sondern der unbequeme, kantige, kritische Zweifler!

Überspitzt könnte man formulieren: Viele Schüler sind im Leben “etwas geworden”, nicht “durch” die Schule, sondern “trotz” der Schule. Dennoch: ich möchte sie nicht missen, es war eine schöne – und wichtige! – Zeit. Die These steht weiterhin zur Diskussion: “Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir!” – Wollen wir’s hoffen!