Zu Besuch im Sozialkunde-LK 12: Tobi Rosswog erklärt seine Vision vom geldfreien Leben

Zu Besuch im Sozialkunde-LK 12: Tobi Rosswog erklärt seine Vision vom geldfreien Leben
Geldfreier Leben
Tobi Rosswog – Geldfreier Leben / Wandel zu einer nachhaltigeren Gesellschaft?

Tobi Rosswog scheint auf den ersten Blick ein ganz normaler junger Mann zu sein.  Er trägt ein Markenhemd und seine langen Haare in einem Dutt.  Allerdings kennt er die Marke des Hemdes nicht und hat es, unabhängig von Geschmack und Preis, einem Gemeinschaftsschrank entnommen.  Was ihn von anderen in seinem Alter unterscheidet, ist eindeutig die Einstellung gegenüber dem Konsum und dem damit verbundenen Geld.
Tobi hat am 14. Februar 2017 unseren Sozialkunde-Leistungskurs mit der Absicht besucht, uns sein Konzept der Utopie, die „stille Revolution“ vorzustellen. Er lehnt eine Tauschgesellschaft, auf welcher die Idee des Geldes basiere, ab. Für ihn stehen marxistische Werte im Vordergrund einer Gesellschaft: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.“ Damit einhergehend ist für Tobi der Wandel zu einer sozialeren Gesellschaft durch geldfreieres Leben ermöglicht.

Ausführlich und anschaulich hat Tobi diesen Gedanken anhand zweier Jahre erklärt. Zu Beginn seines persönlichen „Experiments“ verschenkte Tobi all sein Geld und ging auf Reisen. Viele bezeichneten ihn zu dieser Zeit als Aussteiger, er selbst differenziert hier jedoch deutlich und sieht sich als Einsteiger in ein neues Miteinander. Ein weiterer bedeutender Unterschied liegt für Tobi in der Formulierung „geldfrei“. Ihm persönlich ist es besonders wichtig zu betonen, dass er sich frei gegen das Geld entschieden hat und nicht, wie andere, ohne Geld leben muss. Vollkommenheit ist es, welche er durch diese Erfahrung errungen hat. Trotzdem betont Tobi bei seinem Besuch immer wieder, dass dies ein individueller Entschluss sei, und er keine Anleitung für ein Leben ohne Geld liefern wolle. Vielmehr geht es ihm um seinen philosophischen Ansatz, welche ein mögliches Umdenken anregen könnte. Dennoch antwortet er begeistert auf viele Frage, vor allem bezüglich der praktischen Umsetzung.

Nach den zwei Jahren ohne Geld, in denen er mit unzähligen Menschen über die tieferen Absichten seines Lebenswandels diskutierte, ist Tobi in den Bildungssektor eingestiegen und hält zahlreiche Vorträge, für welche er inzwischen auch Geld annimmt (wie viel, bestimmt der Zuhörer). Heute wohnt er in einer Wohngemeinschaft, welche nach seiner Vorstellung der Solidarität und in Anlehnung an Marx organisiert ist. Jeder zahlt monatlich so viel wie er kann. Tobi trägt die meisten Kosten und schläft in einem der kleinsten Zimmer. Nichtsdestotrotz stellt dieser Sachverhalt für ihn keine Ungerechtigkeit dar. Auf meine Frage, ob er nicht denke, dass der Mensch ein Egomane sei, entgegnete er, dass dies ganz in der Hand des Menschen läge. Außerdem glaubt er, dass die Prägung durch das Umfeld dazu beiträgt, wie ein Mensch seine Rolle in der Gesellschaft einnehme und nutze. So lebt beispielsweise ein Neugeborenes im Kollektiv. Tobi glaubt, dass das Kind durch die ihm vermittelten Werte, wie das Ablehnen von Eigentum, zu einem solidarischen Mitmenschen heranwachse. Der Kurs glaubt jedoch, dass auch dieses Kind, einmal in Kontakt mit der Konsumgesellschaft gekommen, die Lebensansicht des Umfeldes hinterfragen wird. Für welche Lebensweise es sich entscheiden wird, wird sich zeigen.

Heute nutzt Tobi Geld nur für die nötigsten Dinge, wie Wohnen und Strom. Der Kühlschrank in der WG z. B. läuft nur in den drei Sommermonaten, ansonsten dient eine Plattform vor dem Küchenfenster als „Kühlregal“. Die benötigten Lebensmittel erhält die Gemeinschaft durch ein Abkommen mit dem benachbarten Supermarkt, sie werden per Fahrrad täglich abgeholt. Alles was nicht mehr verkauft werden kann, wird hier gerne genutzt.  Tobi möchte keine aktive Nachfrage gestalten, um das, laut ihm viel zu große, Angebot zu senken. Um seine Lebenseinstellung außerhalb der Vorträge weiter zu geben, veranstaltet Tobi beispielsweise „vegane Mitmachbrunchs“, bei welchen er versucht die Idee des Tauschens zu unterbinden. Vielen Menschen falle es viel schwerer zu nehmen, als zu geben, so Tobi. Bei seinem Brunch geht es jedoch darum zu nehmen. Wer möchte kann geben, jedoch nicht um das Nehmen zu „legalisieren“. Es sollte kein direkter Ausgleich stattfinden.

Für Tobi muss zwischen Geben und Nehmen kein genaues Gleichgewicht herrschen, was eine Tauschgesellschaft durch Geld jedoch verursachen würde. Aufgrund dessen lehnt Tobi dieses Konzept ab und hält an seiner Utopie, der „stillen Revolution“ fest, deren Ziel eine echte nachhaltige Lebensweise ist. Denn momentan leben die Menschen in Deutschland weit über jene Verhältnisse, die der Planet allen dauerhaft ermöglicht. Und wenn es am Ende doch nicht zur großen Transformation kommt? Tobi entgegnet: „Dann ist es eben so. Ich habe aber wenigstens das in meiner Macht Stehende versucht.“

Für den Politikunterricht besonders interessant ist die Frage, warum Tobi nicht in die Politik geht, um die Welt zu verändern. Von einer Partei, so sagt er, wurde ihm sogar schon eine aussichtsreiche Kandidatur angeboten. Er räumt ein, dass keine Partei mit seinen radikalen Forderungen in der Lage wäre, demokratische Wahlen zu gewinnen. Deshalb ist sein friedlicher Weg das Umsetzen eines neuen Lebensstils in kleinen revolutionären Zellen – wie z. B. seiner WG.

Dank Tobi hat der gesamte Kurs einen neuen Denkanstoß mit auf den Weg bekommen. Ob dieser positiv oder negativ bewertet wurde, blieb jedem selbst überlassen. Dennoch haben sich alle ihre Gedanken bezüglich des Themas gemacht und wilde Diskussionen entfachten in der anschließenden Pause. Insgesamt hat Tobis Vorstellung dazu geführt, den übermäßigen Konsum sowie sein System zu hinterfragen.Ganz allgemein gesagt hat uns Tobi ermutigt neue Möglichkeiten zu sehen und diese wahrzunehmen.
An dieser Stelle möchte sich der Sozialkundekurs der Klasse 12 noch einmal für seinen Besuch bedanken!

(Charlotte Allnoch, MSS 12)

Ein „geldfreies“ Leben – Warum Tobi Rosswogs Theorie nicht gesellschaftsfähig ist
Ein Kommentar von Stefan Schmitz (MSS 12)

Am Dienstag, den 14. Februar 2017 kam Tobi Rosswog in den Sozialkunde Leistungskurs der zwölften Stufe, um sich und seine Lebensweise vorzustellen. Für eine detaillierte Beschreibung der Lebensweise verweise ich auf Charlottes Artikel.
Seine Lebensweise besteht darin, auf Geld und die damit verbundene Reziprozität (Leistung für Gegenleistung) zu verzichten, um langfristig einen gesellschaftlichen Wandel hin zu einer Teil- anstatt einer Tauschgesellschaft zu bewirken.

Generell fand ich Tobi Rosswogs Besuch sehr interessant, da er mit seinen Theorien und Sichtweisen zum Überlegen anregte, jedoch bin ich der Auffassung, dass sie kritikwürdig sind und würde gerne erklären weshalb.

Ein „geldfreies“ Leben, so wie er es sich in seiner Utopie vorstellt und versucht, in seiner Wohngemeinschaft am Lerchenberg zu leben, stößt bereits sehr früh an seine Grenzen. Eine dieser Grenzen ist er selbst. Für seine Vorträge an Universitäten und bei Fortbildungen verlangt er Geld. Er tauscht also seine Dienstleistungen gegen Geld und dessen Wert, was in etwa die deutlichste Form von Reziprozität darstellt. Er begründet dies mit der Miete, die er für das Haus auf dem Lerchenberg bezahlen muss. Das ist in einer kapitalistischen Gesellschaft einleuchtend, jedoch ist es widersprüchlich zu der Idee, die er verfolgt, nämlich dass man die Reziprozität vermeidet. Er bezahlt Miete und bekommt im Gegenzug ein Haus zur Verfügung gestellt. Man kann also recht schnell erkennen, dass diese Idee nur sehr begrenzt umsetzbar ist, selbst bei einer so kleinen Gemeinschaft wie sie durch ihn und seine Mitbewohner dargestellt wird.

Es fällt mir schwer zu glauben, dass diese Lebensweise, die nicht einmal auf einer solch kleinen Ebene funktioniert, in der näheren Zukunft gesellschaftstauglich wird. In einer Gesellschaft, in der alles gerecht und gleich geteilt würde, wäre der Anreiz auf Leistung sehr gering und damit die gesamte soziale Struktur gefährdet. Ähnliche Bedenken werden in der aktuellen Debatte über das bedingungslose Grundeinkommen geäußert.

Eine weitere Grenze, an die seine angestrebte Utopie stößt, ist der Mensch selbst.
Der Verzicht auf Reziprozität liegt meines Erachtens nach nicht in der Natur des Menschen. Mit Bezug auf Thomas Hobbes Menschenbild bin ich der Meinung, dass der Mensch an sich egoistisch ist und nach dem Erhalt seiner eigenen Existenz sowie dem Besitz materieller Güter strebt. Thomas Hobbes fasste dies mit dem Satz „Homo homini lupus“ („Der Mensch ist dem Menschen Wolf.“) zusammen. Der Mensch wägt zwischen Nutzen und Kosten ab und strebt nach dem größtmöglichen Nutzen im Austausch gegen die kleinstmöglichen Kosten (Rational Choice Theorien). Auch hier herrscht das Prinzip von Leistung für Gegenleistung.

Ein Leben zu führen, ohne Geld zu verwenden halte ich zwar für schwierig, aber dennoch möglich. Ein „geld- und reziprozitätsfreies Leben“ nach Tobi Rosswogs Vorstellungen halte ich aber aus Gründen des mangelnden Leistungsdrucks und der egoistischen Natur des Menschen für unrealistisch und nicht umsetzbar wie man an seiner eigenen aktuellen Situation gut erkennen kann.